Schriftsteller sind peinlich.

Neulich einmal, es kann auch schon letzten Sommer gewesen sein, jedenfalls war es ein Sonntag. Ich sitze am Bahnhof, warte auf das Sammeltaxi und schreibe eine Geschichte darüber, wie mein Mathelehrer bei meiner Oma einzieht und ihren Pflaumenschnaps trinkt. Da stößt ein Herr dazu, der etwas älter und etwas schwäbischer ist als ich. Er nimmt keine Notiz von dem Umstand, dass ich offensichtlich beschäftigt bin, und bemüht sich, ein Gespräch über Fußball und Altersbeschwerden in Gang zu bringen, zwei Gebiete, auf denen ich als Gesprächspartner von eher minderwertiger Qualität bin. Außerdem verstehe ich höchstens die Hälfte. Schwäbisch halt. „Ja“, sage ich, und „Mmh“, und „Das könnse aber laut sagen“ und „Zwei zu eins“, und hoffe, dass er demnächst Ruhe gibt, und schreibe weiter.

„Müsset Sie da was für die Arbeit machen?“, fragt er

„Nein“, lüge ich, „für die Uni“, und hoffe, dass ihm die sagt-er-sagt-sie-Dialoge auf dem Blatt nicht auffallen, und so unakademische Sätze wie „Wenn man mit geschlossenen Augen ins Sonnenlicht schaut und nachdenkt, sieht man Farben, die es nirgendwo sonst in der Welt gibt.“ Vorsichtshalber schreibe ich dann in möglichst kleiner Schrift weiter und deute die Anführungszeichen nur an. Irgendwann ist die Geschichte fertig, und irgendwann kommt auch das Taxi.

Ein Schriftsteller ist ein Mensch, der schreibt, heißt dieser berühmte Satz. Warum also sollte ihm das Schreiben peinlich sein? Dem Tischler ist ja auch das Tischlern nicht peinlich, oder dem Maurer das Maurern, oder dem Bäcker das Bäckern. Ich bin seit dem letzten Jahr, wenn man das so sagen kann, ganz offiziell Schriftsteller. Ich habe ein offiziell erwerbliches Buch geschriftstellert und erwähne  diese Tatsache auch voller Stolz und so. Trotzdem ist es mir manchmal peinlich, in der Öffentlichkeit beim Schreiben erwischt zu werden und mich dazu zu bekennen. Warum? Weil der Mauerer nicht seine innersten Gedanken in die Mauer mit einzementiert? Weil der Bäcker keine Liebesszenen backt? Weil ein Tisch ein Tisch ist, handfest und nützlich und zum was draufstellen, und eine erfundene Geschichte, wie ja selbst Will Shakespeare, einer der berühmtesten Fabrikanten erfundener Geschichten zugibt, eben nur ein airy nothing? Weil im Schwäbischen (und wahrscheinlich auch sonst überall) der Satz „Des isch so a Günstler“ nicht bedeutet „Dieser achtbare junge Mann wird ganz ohne Zweifel meiner Tochter eine sorgenfreie Zukunft gewährleisten können“?  Vielleicht ist es ein bisschen von allem (und vielleicht reduziert sich diese Befangenheit, sobald die Wertschätzung der Eltern schöner Töchter ein weniger verzweifelt ersehntes Gut ist als, großes Wort, künstlerische Integrität).

Natürlich aber können Schriftsteller tatsächlich auch peinlich sein; die, die ihre eigene Arbeit bei jeder Gelegenheit enthusiastisch anpreisen ebenso wie diejenigen, die mit falscher Bescheidenheit kokettieren. Wenn es bei denen dann doch rauskommt (und es kommt immer raus, weil dem bescheidenen Schriftsteller bei aller Bescheidenheit durchaus daran gelegen ist, dass es rauskommt), ist in der Gesprächsrunde die Entrüstung über die stilisierte Geheimniskrämerei groß. Wie, du hast ein Buch geschrieben? Wieso sagst du das denn nicht?

Ja, wie soll man das denn sagen? Ein Gespräch eröffnen kann man damit jedenfalls schlecht: Ich bin übrigens Schriftsteller. Aha. Und auch im weiteren Gesprächsverlauf bieten sich wenige Gelegenheiten, ein derartiges Selbstbekenntnis ungefragt einzuschieben, ohne dass die Konversation über einen Hubbel fährt und ein bisschen rumpelt und holpert und vielleicht sogar am Straßenrand liegen bleibt. Ungefragte Selbstbekenntnisse drängen sich immer ein bisschen auf. Wie nicht überspringbare Werbeclips vor Youtube-Videos.

Die ungeschriebenen Grundregeln eines angenehmen Gesprächs machen es einem nicht leicht: Selbstdarstellung ist böse. Kalkulierter Mangel an Selbstdarstellung andererseits (der natürlich der Selbstdarstellung dient, kein Selbstdarsteller zu sein), ist ebenfalls böse. Wie also soll man sich selbst darstellen, ohne sich auf wie auch immer geartete Weise missliebig zur Schau zu stellen? Muss ein Schriftsteller immer auch ein Schausteller sein?

Und wieder: Warum hat es der Bäcker so viel einfacher, zu sagen: Ich bin übrigens Bäcker? Ihm unterstellt man nicht, dass er sich mit seinem Berufsstand brüsten will; dem Schriftsteller, der unaufgefordert preisgibt, dass er Schriftsteller ist, unterstellt man das automatisch. Da zeigt sich ja auch zugegebenermaßen eine Selbsteinschätzung, die leicht als Selbstüberschätzung ausgelegt werden kann: Schriftsteller ist ein erhabenes Wort, das immer noch von diesem Nimbus des schöpferischen Genies umstrahlt wird, und den meisten Menschen, die schreiben, ist er dann bei näherer Betrachtung doch ein bisschen zu groß, der Nimbus. Dann rutscht er runter, verheddert sich in der Purpurschärpe, auf die in goldenen Buchstaben SCHRIFTSTELLER gestickt ist, und man steht da und sieht aus wie ein Vollidiot. Vielleicht habe ich davor am meisten Angst, vielleicht ist mir das Schreiben peinlich, weil ich noch größere Peinlichkeit fürchte, wenn ich mich dazu bekenne. Niemand mag Vollidioten.

Vielleicht setzt es aber sogar das Risiko herab, ein solcher zu werden, wenn einem die Schriftstellerei, so gern und überzeugt man sie betreibt, immer ein bisschen peinlich bleibt. Auf der einen Seite honoriert man damit, dass sie etwas Besonderes ist, etwas, das in der Welt der meisten Menschen keinen Platz hat und dem sie deshalb – „Des isch so ein Günstler“ – mit Argwohn begegnen. Auf der anderen Seite schützt ein grundlegendes, moderates Peinlichkeitsbewusstsein vielleicht vor der größeren Peinlichkeit der Selbstüberschätzung.

„Ich hab ein Buch veröffentlicht“, habe ich auf einer Party mal betrunken einem Mädchen erzählt, weil das Mädchen schöne Ohrringe hatte. „Bei einem Berliner Verlag.“

„Cool“, hat sie gesagt. „Wo hast du denn das Wulle her?“

Und damit war das Thema erledigt und wir hatten noch ein sehr angenehmes Gespräch.

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