Wollen wir uns jetzt küssen?

Als ich ein Jugendlicher war, so richtig mit Pickeln und Hormonstau und Selbstmordgedanken, habe ich ein Jugendbuch gelesen. Ich weiß nicht mehr wie es hieß, aber es gab darin eine großartige Stelle, die ich nie vergessen werde. Mädchen hat sturmfreie Bude, Mädchen nutzt die Gelegenheit, um erste große Liebe einzuladen und zaghafte biologische Experimente durchzuführen. Die beiden sitzen auf dem Bett, der Junge will sie küssen, und sie erzählt ihm, dass gerade überall auf der Welt Menschen sterben: „Gerade jetzt… und jetzt… und jetzt.“ Wollen wir uns jetzt küssen, fragt er, und sie fragt ihn, ob er das denn nicht schlimm finde, das mit den Menschen. Doch sagt, er, natürlich, aber ich will dich jetzt küssen. Und sie wird sauer, weil er so unsensibel ist. „Dann küss mich eben!“, schreit sie, und sie küssen sich, und irgendwie passiert dabei nicht so viel. „Das war kein bisschen gut“, sagt das Mädchen. Wie denn auch.

Der geschätzte Kollege Hank M. Flemming hat unlängst einen wunderbaren Text geschrieben, in dem er unter anderem beklagt, dass das Publikum auf Poetry Slams vor der Realität gesellschaftlicher und politischer Probleme die Ohren verschließt und von Bürgerkriegen und Flüchtlingen nichts wissen will: „Irgendwann is‘ ja auch mal gut.“ Die Bühnenpoeten haben das längst geschnallt, und so sind Texte, die solche Probleme ansprechen, tatsächlich selten. Weil sie nicht gut ankommen, weil sie unangenehm sind, weil das Publikum zwar andächtig schweigt, aber nachher bestenfalls Höflichkeitsapplaus spendet, wenn es nicht wenigstens krasse Binnenreime im Sekundentakt gibt, oder ein bisschen gerappt wird, oder gebeatboxt, oder der Typ am Mikro das Mikro kurz liegen lässt und mit natürlich-unverfälschter Stimmgewalt in den Raum schreit, oder sonst irgendwas Unterhaltsames passiert.

Daran ist überhaupt nichts Schlimmes. Ein Poetry Slam ist keine UN-Tagung. Ein Poetry Slam kostet Eintritt und man darf Bier dazu trinken, und man ist zwar bereit, zwischen humoristischen Alltagsbetrachtungen und egoistischem Weltschmerz auch mal für sechs Minuten die Klappe zu halten und das Bier abzustellen und über das Große Ganze nachzudenken. Aber man will trotzdem unterhalten werden, und nachher will man nach Hause gehen und sich gut fühlen, und bei allem Elend auf der Welt, gerade bei allem Elend auf der Welt, ist es kein Verbrechen, sich gut fühlen zu wollen. Irgendwann is‘ tatsächlich auch mal gut. (Das große Problem dabei mag sein, dass dieses Irgendwann für viele schon viel zu früh erreicht ist, nicht erst bei Beginn der Abendunterhaltung.)  Poetry Slams finden zumeist im Dunkeln statt, Tagungen zumeist im Neonlicht, und das hat seinen Grund. Ein Veranstaltungsraum dient der zeitweisen Flucht vor sich selbst und der Welt. Wenn da einer ans Mikro tritt und das Neonlicht anknips und dabei nicht unterhält, sondern den Katechismus der Gesellschaftskritik predigt, kann das genauso sein, wie wenn man endlich das Mädchen küssen will, aber das Mädchen fragt nur die ganze Zeit, ob man es denn nicht schlimm finde, dass da draußen gerade Menschen sterben.

Das soll nicht bedeuten, dass man auf Poetry Slams keine ernsten politischen  Themen ansprechen kann, und es soll erst recht nicht heißen, dass man das nicht tun sollte. Der Slammer und das Publikum müssen sich dabei nur auf der richtigen Wellenlänge begegnen, und das erfordert Feingefühl. Es ist schick geworden, Publikumsbeschimpfung zu betreiben, die Erwartungen des Publikums zu enttäuschen, das Publikum vor den Kopf zu stoßen, und natürlich muss ein Künstler seine Kunst nicht passgenau an die Wünsche des Publikums angleichen; aber das Publikum hat Eintritt bezahlt und das Publikum will unterhalten werden, und wenn man ihm blöd kommt, dann kriegt man halt Höflichkeitsapplaus, so einfach ist das. Der Junge, der einfach nur das Mädchen küssen will, ist nicht unsensibel, und das Mädchen, das ihn stattdessen auf das Elend der Welt aufmerksam macht, ist keine frigide Gutmenschin, man verzeihe mir den abgelutschten Ausdruck; sie gehen einfach nicht genug aufeinander ein.

Man kann Probleme ansprechen und gleichzeitig unterhalten; Hanks Text macht es vor.  Man kann den Wünschen des Publikums entsprechen, ohne es ihm zu einfach zu machen. Es ist ja nicht so, dass es zwischen Icherzählern, die Samstags zu Ikea zu gehen und das blöd finden und politischen Manifesten keinen Spielraum gäbe. Und letztlich hat ein politischer Text genauso wenig realen Nutzwert wie ein Liebesgedicht oder eine humoristische Reflexion über schwedische Möbelhäuser: Weil ein Poetry Slam eben keine UN-Tagung ist, weil ein Text nichts ändert, weil das Nachdenken über komplexe Probleme meistens eher die eigene intellektuelle und moralische Eitelkeit befriedigt, als zu konkreten Handlungen zu animieren. Niemand steht nach einem Slamtext auf und befreit Zootiere oder fliegt in Krisengebiete, um ehrenamtliche Hilfe zu leisten. Und der Slammer, der dazu aufruft, hat dergleichen meistens auch selbst nicht im Sinn. Der einzige Nutzwert eines Textes ist sein Unterhaltungswert. Und Unterhaltung verdient die negative Konnotation sinnentleerter Massenbespaßung nicht, die ihr im Deutschen anlastet.  Unterhaltung kann die Form von Schenkelklopfen und schönen Empfindungen ebenso annehmen wie die des interessierten Nachdenkens. Kommt ganz auf das Publikum an. Und darauf, wie man mit ihm umgeht.

Lieblingserstesätze.

Es ist schön, wenn Geschichten anfangen. Es ist traurig, für gewöhnlich, wenn Geschichten enden, selbst wenn sie glücklich enden. Vielleicht sind deshalb erste Sätze so wichtig. Hier sind zwölf erste Sätze, die Wunder versprechen. Zwölf erste Sätze, die mich prägten oder so, und meistens ihr Versprechen gehalten haben. Manchmal auch nicht. Aber schön ist es in jedem Fall, wenn Geschichten so anfangen. Da ist es fast egal, wie sie weitergehen.

(Aber nur fast.)

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An der Lehrerbildungsanstalt hatten wir einen Professor, der in das Sandtörtchen von Proust verliebt war. 

(Robert Merle: Malevil)

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‘She said that she would dance with me if I brought her red roses,’ cried the young Student; ‚but in all my garden there is no red rose.‘

(Oscar Wilde: The Nightingale and the Rose)

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Ich versuche mir Klarheit zu verschaffen über diese Leidenschaft, deren reine Abwicklung immer den Reiz des Schönen hat. 

(Stendhal: Über die Liebe)

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Samuel Becketts Schönheit setzte ihn den Blicken aus, aber sie verlieh ihm auch eine Art Unsichtbarkeit. 

(André Bernold: Becketts Freundschaft)

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When Farmer Oak smiled, the corners of his mouth spread, till they were within an unimportant distance of his ears, his eyes were reduced to mere chinks, and diverging wrinkles appeared round them, extending upon his countenance like the rays in a rudimentary sketch of the rising sun. 

(Thomas Hardy: Far From the Madding Crowd)

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Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. 

(Peter Stamm: Agnes)

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Als der Kommissar rückwärts in die Wanne fiel, schien es, als würde der unerfreuliche Morgen, dem Anton seine außereheliche Existenz verdankte, doch noch eine Wendung zum Guten nehmen. 

(Viktoras Pivonas: Das Ende der Suche nach dem verlorenen Samowar)

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There was once, in the country of Alifbay, a sad city, the saddest city, a city so ruinously sad that it had forgotten its name. 

(Salman Rushdie: Haroun and the Sea of Stories)

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War das im Jahre 182… ein merkwürdiges Christmas auf Guernesey. An diesem Tag schneite es nämlich. 

(Victor Hugo: Die Arbeiter des Meeres)

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When he woke in the woods in the dark and the cold of the night he’d reach out to touch the child sleeping beside him. 

(Cormac McCarthy: The Road)

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The first ray of light which illumines the gloom, and converts into a dazzling brilliancy that obscurity in which the earlier history of the public career of the immortal Pickwick would appear to be involved, is derived from the perusal of the following entry in the Transactions of the Pickwick Club, which the editor of these papers feels the highest pleasure in laying before his readers, as a proof of the careful attention, indefatigable assiduity, and nice discrimination, with which his search among the multifarious documents confided to him has been conducted. 

(Charles Dickens: The Pickwick Papers)

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Es war Samstagmorgen und Herr Taschenbier saß im Zimmer und wartete. 

(Paul Maar: Eine Woche voller Samstage)

Schriftsteller sind peinlich.

Neulich einmal, es kann auch schon letzten Sommer gewesen sein, jedenfalls war es ein Sonntag. Ich sitze am Bahnhof, warte auf das Sammeltaxi und schreibe eine Geschichte darüber, wie mein Mathelehrer bei meiner Oma einzieht und ihren Pflaumenschnaps trinkt. Da stößt ein Herr dazu, der etwas älter und etwas schwäbischer ist als ich. Er nimmt keine Notiz von dem Umstand, dass ich offensichtlich beschäftigt bin, und bemüht sich, ein Gespräch über Fußball und Altersbeschwerden in Gang zu bringen, zwei Gebiete, auf denen ich als Gesprächspartner von eher minderwertiger Qualität bin. Außerdem verstehe ich höchstens die Hälfte. Schwäbisch halt. „Ja“, sage ich, und „Mmh“, und „Das könnse aber laut sagen“ und „Zwei zu eins“, und hoffe, dass er demnächst Ruhe gibt, und schreibe weiter.  

„Müsset Sie da was für die Arbeit machen?“, fragt er

„Nein“, lüge ich, „für die Uni“, und hoffe, dass ihm die sagt-er-sagt-sie-Dialoge auf dem Blatt nicht auffallen, und so unakademische Sätze wie „Wenn man mit geschlossenen Augen ins Sonnenlicht schaut und nachdenkt, sieht man Farben, die es nirgendwo sonst in der Welt gibt.“ Vorsichtshalber schreibe ich dann in möglichst kleiner Schrift weiter und deute die Anführungszeichen nur an. Irgendwann ist die Geschichte fertig, und irgendwann kommt auch das Taxi.

Ein Schriftsteller ist ein Mensch, der schreibt, heißt dieser berühmte Satz. Warum also sollte ihm das Schreiben peinlich sein? Dem Tischler ist ja auch das Tischlern nicht peinlich, oder dem Maurer das Maurern, oder dem Bäcker das Bäckern. Ich bin seit dem letzten Jahr, wenn man das so sagen kann, ganz offiziell Schriftsteller. Ich habe ein offiziell erwerbliches Buch geschriftstellert und erwähne  diese Tatsache auch voller Stolz und so. Trotzdem ist es mir manchmal peinlich, in der Öffentlichkeit beim Schreiben erwischt zu werden und mich dazu zu bekennen. Warum? Weil der Mauerer nicht seine innersten Gedanken in die Mauer mit einzementiert? Weil der Bäcker keine Liebesszenen backt? Weil ein Tisch ein Tisch ist, handfest und nützlich und zum was draufstellen, und eine erfundene Geschichte, wie ja selbst Will Shakespeare, einer der berühmtesten Fabrikanten erfundener Geschichten zugibt, eben nur ein airy nothing? Weil im Schwäbischen (und wahrscheinlich auch sonst überall) der Satz „Des isch so ein Günstler“ nicht bedeutet „Dieser achtbare junge Mann wird ganz ohne Zweifel meiner Tochter eine sorgenfreie Zukunft bereiten können“?  Vielleicht ist es ein bisschen von allem (und vielleicht reduziert sich diese Befangenheit, sobald die Wertschätzung der Eltern schöner Töchter ein weniger verzweifelt ersehntes Gut ist als, großes Wort, künstlerische Integrität).

Natürlich aber können Schriftsteller tatsächlich auch peinlich sein; die, die ihre eigene Arbeit bei jeder Gelegenheit enthusiastisch anpreisen ebenso wie diejenigen, die mit falscher Bescheidenheit kokettieren. Wenn es bei denen dann doch rauskommt (und es kommt immer raus, weil dem bescheidenen Schriftsteller bei aller Bescheidenheit durchaus daran gelegen ist, dass es rauskommt), ist in der Gesprächsrunde die Entrüstung über die stilisierte Geheimniskrämerei groß. Wie, du hast ein Buch geschrieben? Wieso sagst du das denn nicht?

Ja, wie soll man das denn sagen? Ein Gespräch eröffnen kann man damit jedenfalls schlecht: Ich bin übrigens Schriftsteller. Aha. Und auch im weiteren Gesprächsverlauf bieten sich wenige Gelegenheiten, ein derartiges Selbstbekenntnis ungefragt einzuschieben, ohne dass die Konversation über einen Hubbel fährt und ein bisschen rumpelt und holpert und vielleicht sogar am Straßenrand liegen bleibt. Ungefragte Selbstbekenntnisse drängen sich immer ein bisschen auf. Wie nicht überspringbare Werbeclips vor Youtube-Videos. 

Die ungeschriebenen Grundregeln eines angenehmen Gesprächs machen es einem nicht leicht: Selbstdarstellung ist böse. Kalkulierter Mangel an Selbstdarstellung andererseits (der natürlich der Selbstdarstellung dient, kein Selbstdarsteller zu sein), ist ebenfalls böse. Wie also soll man sich selbst darstellen, ohne sich auf wie auch immer geartete Weise missliebig zur Schau zu stellen? Muss ein Schriftsteller immer auch ein Schausteller sein?

Und wieder: Warum hat es der Bäcker so viel einfacher, zu sagen: Ich bin übrigens Bäcker? Ihm unterstellt man nicht, dass er sich mit seinem Berufsstand brüsten will; dem Schriftsteller, der unaufgefordert preisgibt, dass er Schriftsteller ist, unterstellt man das automatisch. Da zeigt sich ja auch zugegebenermaßen eine Selbsteinschätzung, die leicht als Selbstüberschätzung ausgelegt werden kann: Schriftsteller ist ein erhabenes Wort, das immer noch von diesem Nimbus des schöpferischen Genies umstrahlt wird, und den meisten Menschen, die schreiben, ist er dann bei näherer Betrachtung doch ein bisschen zu groß, der Nimbus. Dann rutscht er runter, verheddert sich in der Purpurschärpe, auf die in goldenen Buchstaben SCHRIFTSTELLER gestickt ist, und man steht da und sieht aus wie ein Vollidiot. Vielleicht habe ich davor am meisten Angst, vielleicht ist mir das Schreiben peinlich, weil ich noch größere Peinlichkeit fürchte, wenn ich mich dazu bekenne und mir der Nimbus runterrutscht. Niemand mag Vollidioten.

Vielleicht setzt es aber sogar das Risiko herab, ein solcher zu werden, wenn einem die Schriftstellerei, so gern und überzeugt man sie betreibt, immer ein bisschen peinlich bleibt. Auf der einen Seite honoriert man damit, dass sie etwas Besonderes ist, etwas, das in der Welt der meisten Menschen keinen Platz hat und dem sie deshalb – „Des isch so ein Günstler“ – mit Argwohn begegnen. Auf der anderen Seite schützt ein grundlegendes, moderates Peinlichkeitsbewusstsein vielleicht vor der größeren Peinlichkeit der Selbstüberschätzung.

„Ich hab ein Buch veröffentlicht“, habe ich auf einer Party mal betrunken einem Mädchen erzählt, weil das Mädchen schöne Ohrringe hatte. „Bei einem Berliner Verlag.“

„Cool“, hat sie gesagt. „Wo hast du denn das Wulle her?“

Und damit war das Thema erledigt und wir hatten noch ein sehr angenehmes Gespräch.

Wunderzigarren und Haferkekse.

Ich bin, wie es manche verehrten Kollegen in diesen Tagen tun und noch tun werden, dem saisonalen Druck erlegen und habe tatsächlich eine Weihnachtsgeschichte geschrieben. Über die heiligen drei Könige. Die heißt

Die heiligen drei Könige

und geht so:

An der Bushaltestelle standen drei bärtige alte Männer in schneebedeckten Wintermänteln und rauchten Zigarren. Einer sah aus wie ein vergessener Philosoph, den nur Professoren und Bibliothekare noch kennen, einer sah aus wie Wilhelm Busch und der dritte fast ein bisschen so wie mein Opa. Daneben stand ich, versuchte die Arbeit aus den Knochen zu schütteln, kramte in den Jackentaschen nach meiner Feiertagslaune und wartete auf den Bus nach Hause. Ich sah starr geradeaus ins dichte Schneetreiben, bemühte mich, den Zigarrenqualm zu ignorieren, den der Wind in meine Richtung blies, und um einer Unterhaltung aus dem Weg zu gehen, tat ich so, als wären die Drei gar nicht da. Sie waren aber nicht bereit, diesen Gefallen zu erwidern.

„Gestatten Sie“, sagte der Mittlere nach einer Weile, und er klang auch fast ein bisschen so wie mein Opa. Seine Stimme war rau vom Alter und warm vom Leben, und ich dachte, bestimmt isst er gern Haferkekse. „Hier fährt doch der Bus zum Klinikum ab?“
Ich drehte mich zu ihm um. „Ja“, sagte ich. „Hat vielleicht Verspätung heute. Ist ja kein Wunder an Heiligabend.“ Und dann starrte ich wieder hinaus in den Schnee.
„So was Ärgerliches“, sagte der Mittlere, aber es schien ihm gar nicht viel auszumachen. „Na, vielleicht können wir uns die Zeit so lange gemeinsam vertreiben. Bisschen schneeschwätzen.“ Und er klopfte mir auf die Schulter, dass der Schnee zu Boden rieselte. „Wissen Sie, wir haben nämlich eine große Freude zu verkünden.“
„Sie sind aber jetzt nicht von so einem Bibelverein?“, fragte ich.
„Nein, nein“, beruhigte mich der Linke, der, der aussah wie Wilhelm Busch, und ich überlegte, ob er den Bart aus einem Museum geklaut haben mochte. Zugetraut hätte ich es ihm. In seinen Augen lag ein Zwinkern auf der Lauer, und unter dem gewissen Bart wahrscheinlich das verschmitzte Lächeln eines alten Gauners versteckt, den man nie gefasst hat.
„Wir sind die heiligen drei Könige“, sagte der Rechte mit majestätischer Gelassenheit und sah trotzdem immer noch mehr wie ein Philosoph als wie ein König aus.
„Und ich“, sagte der Mittlere, der fast ein bisschen mein Opa war, „ich bin der Joseph.“
„Aha“, sagte ich, und erst als ich mich aha sagen hörte, wurde mir klar, dass ich überhaupt nichts verstanden hatte, und da sagte ich es gleich noch mal, aha.
„Seine Frau hat nämlich heute ihr Kind gekriegt“, erklärte der rechte König.
„Mit vierundsechzig Jahren“, sagte der linke.
„Es ist ein Wunder“, sagte der rechte.
Joseph nickte. „Ein Wunder.“
„Glückwunsch!“, sagte ich, weil das ein Wort ist, das einem leicht über die Lippen geht, ganz ohne, dass man nachdenken muss, wie man Gesundheit sagt, wenn einer niest. „Aber Sie können doch nicht gleichzeitig der Joseph sein und einer von den heiligen drei Königen.“
„Ja, warum denn nicht?“ Er sah mich erstaunt an. „Ich sag ja nicht, dass ich der Neger bin.“
„Das ist nämlich Friedrich“, sagte der Linke und deutete auf den Philosophen. „Der hat von uns dreien den schwärzesten Bart.“ Und in der Tat mischten sich in den weißen Bart des rechten Königs vereinzelte schwarze Strähnen, ein letztes Aufblitzen der Jugend, und ich musste an die die Füllung im Mohnkuchen denken, den meine Oma früher zu Weihnachten gebacken hat, und wie die Füllung immer spärlicher wurde, je näher man dem Endstück kam, und wie sie sich schließlich ganz im Kuchenteig verlor.
„Wenn Sie meinen“, sagte ich, denn mit alten Männern, die noch von Negern sprechen, lässt man sich besser auf keine Grundsatzdiskussionen ein, wenn man eigentlich friert und endlich nach Hause will. Auf der Suche nach Königen, auf der Suche nach Wundern ließ ich den Blick über die Gruppe schweifen, und da fiel mir erst auf, dass der Philosoph eine Thermoskanne unter dem Arm trug und der Räuber von Wilhelm Buschs Bart eine Tüte in der Hand hielt.
„Und jetzt fahren Sie sie besuchen, Ihre Frau“, sagte ich.
„Jawoll.“ Joseph strahlte. „Wenn wir nicht alle drei kommen, hat sie gesagt, dann behält sie das Kind gleich für sich. Also kommen wir alle drei. Und wir bringen ihr Lebkuchen mit, und Marzipanstollen, und Früchtepunsch.“
„Nur die Zigarren, die sind für uns“, sagte der linke König und nahm zur Demonstration einen gewaltigen Zug, der dem mutmaßlichen Vorbesitzer seines Bartes, bekanntlich ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, gut angestanden hätte. „Aber die rauchen wir jetzt schon, dass wir hernach nicht das ganze Krankenzimmer vollqualmen damit.“
„Na, die echten drei Könige damals, die haben doch auch Weihrauch mit zur Krippe gebracht“, gab der Rechte zu bedenken.“
„Ah, geh.“ Der Linke winkte unwirsch ab. „Zigarrenrauch ist doch kein Weihrauch.“
„Doch, doch“, sagte der Rechte. „Der schon. Sind ja Festtagszigarren.“
„Weihnachtszigarren“, sagte der Linke.
„Wunderzigarren“, sagte Joseph.
In diesem Moment bog ein Bus um die Straßenecke, langsam und majestätisch wie die Vorhut einer Karawane aus fremden Ländern. Es war die Klinikumslinie. „Das ist Ihrer“, sagte ich, und ich war erleichtert, und ich wusste, dass ich das später für mich behalten würde, wenn ich die Geschichte erzählte, und da war ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich stimmte. Für Joseph dagegen, diesen alten, bärtigen, glücklichen Joseph, war heute alles ganz klar und ganz einfach und bar jeden Widerspruchs.

„Wollen Sie nicht vielleicht mitkommen?“, fragte er, und immer noch war er fast ein bisschen mein Opa, aber eben nur fast. „Nein, danke“, sagte ich. „Es gibt doch nur drei heilige Könige.“Joseph nickte. „Ja“, sagte er, „da lässt sich natürlich nichts dran machen.“ Und Wilhelm Busch griff in seine Tragetasche und gab mir einen Lebkuchen in die Hand. Die Mandel in der Mitte saß schief, und in der Mitte saß sie eigentlich auch nicht, aber es war ein Lebkuchen, keine Frage. Als der Bus vor dem Wartehäuschen zum Stehen kam und die Türen sich zischend öffneten, verabschiedeten die heiligen drei Könige sich eilig, wünschten mir frohe Weihnachten, und mit ihren festlichen Gaben für die glückliche Mutter stiegen sie ein. Drei nicht ganz zu Ende gerauchte Zigarrenstummel blieben im Schnee zurück. Ich sah dem Bus hinterher und spürte so etwas wie Heimweh.

Rote Bücher.

Nach welchen Kriterien man seine Lektüre auswählt, bleibt einem natürlich selbst überlassen, außer man studiert irgendwas mit Büchern und so, zum Beispiel, nur mal so aus der Luft gegriffen, englische Literatur. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle, gestützt auf meine Leseerlebnisse der jüngeren Zeit, einen neuen Vorschlag in dieser Sache anbringen: Die letzten vier Bücher, die ich gelesen habe, liegen nämlich im Regal aufeinandergestapelt (nebeneinander geht wegen Platzmangels nicht mehr) und da ist mir erst aufgefallen ist, dass sie alle vier rote Rücken haben. Auch wenn ich mich damit selbst disqualifiziere, weil mein eigenes Buch farblich außerhalb dieser illustren Ränge steht,  rufe ich also den Bibliophilen dieser Welt zu: Lest Bücher mir roten Rücken! Es lohnt sich.

John Williams: Stoner

Das braucht man inzwischen wohl niemandem mehr zu empfehlen, weil jeder, dem man es empfiehlt, schon davon gehört hat, und sogar dieser Schauspieler, wie heißt er noch, der hat es gelesen. Geht allein schon deshalb in meine Lieblingsbücherliste ein, weil ich weinen musste, und zwar mehr als einmal, und die Bücher, die mich dazu gekriegt haben, die kann man nun wirklich an einer Hand abzählen. Die kleine wellige Stelle auf Seite 202 rührt aber nicht von Tränenflüssigkeit, sondern von unachtsam gehandhabtem Bier her, nur falls sich jemand wundert. Dabei wäre der Verdacht nachvollziehbar, denn tatsächlich findet sich dort einer der schönsten Sätze des ganzen Buches:  Like all lovers, they spoke much of themselvs, as if they might thereby understand the world which made them possible. Aber dann muss man eigentlich doch wieder sagen – wie Tucholsky dereinst über die Gedichte eines gewissen Herrn Morgenstern – dass irgendwie jeder Satz der schönste ist. Ein absolut vollkommenes Buch.

 Cormac McCarthy: Child of God

 In the spring Ballard watched two hawks couple and drop, their wings upswept, soundless out of the sun to break and flare above the trees and ring up again with thin calls. He eyed them on, watching to see if one were hurt. He did not know how hawks mated but he knew that all things fought.

Ja, na gut. Es geht um einen moralisch degenerierten Hinterwäldler, der sexuell gestört ist, zuerst in einem zerfallenden Haus, bei fortgeschrittener moralischer Degeneration dann in einer Höhle wohnt und gerne mal Menschen umbringt, bevorzugt Frauen. Und trotzdem ist auch dieses, so befremdlich das klingen mag, ein schönes Buch. McCarthy zu empfehlen ist problematisch, weil das bei ihm halt immer so geht: Erst fast man die Handlung zusammen und dann sagt man, du, das ist echt ein schönes Buch, düster, pessimistisch, verstörend, ein bisschen zu ehrlich vielleicht für manche Stimmungslagen und für manche Menschen, aber schön. Nur will einem das dann irgendwie keiner mehr glauben. Dabei ist es wahr.

 Tracy Letts: Killer Joe

 Wenn Quentin Tarantino ein Theaterstück geschrieben hätte…Aber wer will heutzutage noch Tarantino-Vergleiche hören.  Trotzdem, solche Dialoge fordern es ja geradezu heraus. That poor, miserable bastard set his own genitals on fire just to teach his girlfriend a lesson. I guess he showed her. I wonder if she ever got over it. Was he all right? No. No, he was not all right. He set his genitals on fire. Man kann das mögen, oder man kann das albern und unreif finden, oder ein bisschen von beidem vielleicht. Wenn einem letzteres gelingt, ist Killer Joe großartige Unterhaltung.

 Jez Butterworth: Jerusalem

Ein versoffener alter Engländer sitzt in seinem Domizil mitten im Wald, wartet auf die Zwangsräumung und erzählt perspektivlosen Jugendlichen, wie er nach einer durchzechten Nach einmal dem Riesen begegnet ist, der Stonehenge gebaut hat. Oder wie er von einer Gewehrkugel gezeugt wurde, die seine Mutter gestreift hat. Es wird viel getrunken, viel geflucht, man hat eine Menge zu lachen, eine Menge zum sich-gemeinsam-mit-dem-Helden-drüber-aufregen, und ab und zu, immer an genau den richtigen Stellen, wird es auch mal poetisch.

I heard an oak tree cry. I’ve heard beech sing hymns. I seen a man they buried in the churchyard Friday sitting under a beech eating an apple on Saturday morning. When the light goes, and I stare out into the trees, there’s always pairs of eyes out there in the dark, watching. Foxes. Badgers. Ghosts. I seen lots of ghosts. I seen women burn love letters. Men dig holes in the dead of night. I seen a young girl walk down here in the cold dawn, take all her clothes off, wrap her arms round a broad beech tree and give birth to a baby boy. I seen first kisses. Last kisses. I seen all the world pass by and go.

 Na bitte.

Lest Bücher mit roten Rücken. Seht die Welt an euch vorbeiziehen. Wenn es zu schnell geht – man kann immer zurückblättern.

Wie ich zu Weihnachten einmal nach England fliegen sollte.

Also, es war kurz vor Weihnachten, und ich war zu Hause und hatte eine Ordnermappe, in der ich die Weihnachtsgeschenke für die Familie verwahrt habe, die war ein bisschen wie ein mehrlagiger Koffer, aber trotzdem eben nur so groß wie eine Mappe, jedenfalls meistens, machmal war sie auch so groß wie ein Koffer, vor allem, wenn man Bettwäsche unterbringen wollte, und trotzdem war sie auch ein bisschen wie ein Regal, man konnte nämlich zum Beispiel Kindlers komplettes Literaturlexikon (25 Bände) reinstellen, oder reinlegen, oder was weiß ich, und die Mappe danach ganz normal zuklappen, und sie war nicht mal besonders schwer.

Es war also kurz vor Weihnachten, aber mir war etwas mulmig zumute, weil ich nach den Feiertagen eine Bildungsreise nach England machen sollte, und wir hatten keinen Flug gebucht, sondern ich sollte mit einem fliegenden Teppich  über den Kanal, und ich dachte, was, wenn ich reinfalle oder drüben den Anschluss an meine Gruppe verpasse, weil ich zu spät komme oder ganz woanders lande, aber meine Mutter hat gesagt, nein, kommt nicht in Frage, du fliegst mit dem Teppich. Den hatten wir auch schon zu Hause, den Teppich, der war ein paar Tage zuvor geliefert worden, aber irgendwie hatte das bisher niemand für erwähnenswert gehalten, und an Heiligabend hab ihn dann ausprobiert. Am Anfang schwebte er immer gleich an die Decke hoch, wie ein Heliumballon, und ich konnte mich nicht draufsetzen, das nervte ein bisschen. Aber irgendwann hatte ich den Dreh dann raus und es ging doch noch ganz gut mit dem Fliegen, ich saß nur sehr unsicher auf dem Ding und bin ständig in irgendwelche Türrahmen geflogen, aber ein fliegender Teppich ist ja auch nicht fürs Haus gedacht.

Da habe ich ihn dann draußen ausprobiert, und auf einmal passte meine ganze Familie drauf, ich weiß nicht wie, vorher war er viel kleiner und wir haben einen Probeflug zum Buchhaus am Markt unternommen, und das war auch in Ordnung, nur der blöde Teppich hat den längsten und umständlichsten Weg genommen und war auch noch ziemlich langsam. Im Buchhaus am Markt wollte ich  in letzter Minute noch ein Weihnachtsgeschenk für meinen Bruder kaufen, weil ich das peinlicherweise vergessen hatte, und dann habe ich gemerkt, ich habe ja auch noch drei kleine Schwestern, und ich habe mich gewundert, dass mir das all die Jahre entgangen war und warum ich denen eigentlich noch nie was geschenkt habe, und ich bin zu der Einsicht gelangt, dass sie wahrscheinlich einfach nicht so wichtige Figuren seien und Süßigkeiten schon reichen würden, und dann bin ich aufgewacht und mir blieb zum Glück der Teppichflug über den Ärmelkanal erspart, aber ein Geschenk für meinen Bruder muss ich immer noch kaufen, weil nämlich, der hatte unlängst Geburtstag. Träume.

Wie ich Bob Dylan einmal Beihilfe zum Mord leistete

Also, Bob Dylan und ich und ein paar andere zwielichtige Typen haben den Liebhaber seiner Frau umgelegt, und alle Zeugen, und in einer Zeitung aus der Zukunft stand, dass wir dessen überführt werden würden, ein beängstigend realistisches Szenario also, und im Traum hab ich gedacht, wenn das doch bloß ein Traum wäre, aus dem ich aufwachen könnte, und dann bin ich aufgewacht und es war bloß ein Traum, und ich war sehr erleichtert und habe gefrühstückt. Bob Dylan spricht übrigens beeindruckend akzentfreies Deutsch. Und bei ihm zu Hause sieht es genauso aus wie in dem dänischen Ferienhaus, in dem ich vor ungefähr zwölf Jahren mit meiner Familie Urlaub gemacht habe. Das heißt, wenn Dänemark Teil der Südstaaten wäre. Ihr Einsatz, Doktor Freud.

Kurtgeschichten.

Angeregt von einem inspirierenden Tippfehler. Und ein bisschen von diesem Herrn vielleicht.

#1

Es war einmal ein Mann namens Kurt.                                                                                                               Der hieß Kurt.

#2

Einmal las Kurt die Kleinmeldungen in der Morgenzeitung.                                                               „Sachen gibt’s“, sagte er und schüttelte lachend den Kopf.                                                             Dabei war es schon Abend.

#3

Einmal verwählte sich  Kurt. Er bemerkte seinen Irrtum und legte rasch auf.                                    Da klingelte sein Telefon.                                                                                                                                         „Haben Sie sich verwählt?“, fragte der Herr mit der falschen Nummer.                                           „Nein, Sie“, sagte Kurt.

#4

Einmal stürmte Kurt in zur Mittagszeit in sein Lieblingslokal und ließ sich atemlos auf einen freien Stuhl fallen.                                                                                                                                     „Einen kleinen gemischten Salat!“, rief er. „Schnell, sonst ist es zu spät!“

#5

Einmal musste Kurt niesen.                                                                                                               „Gesundheit“, sagte ein Herr, der neben ihm saß.                                                                                     „Danke gleichfalls“, sagte Kurt.

Da nieste der Herr.

Rebecca Turns the Tide

Philipp Multhaupt liest aus seinem Buch „Herrn Murmelsams Fieberträume“ und The Sycamore Tree spielen „Turn The Tide“ aus ihrem Album „Nautilus“ live im Periplaneta Literaturcafé Berlin. Kamera: Marion Alexa Müller, Sarah Strehle, Schnitt und Produktion: Marion Alexa Müller.