Archiv der Kategorie: Herrn Murmelsams Blog

Eigenlob aus fremden Mündern

Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen (ich brauche selbst immer kurze Bedenkzeit, bis ich den vollständigen Titel aufsagen kann) ist seit Anfang Juli im Umlauf und kann von Menschen gelesen werden. Manche Menschen lesen das Buch tatsächlich, und es gefällt ihnen sogar. Davon zeugen die schönen Rezensionen der letzten Wochen, die ich im Rausch meiner Selbstgefälligkeit hier kurz aufzählen möchte, weil sie so schön sind und weil ich darin vorkomme, und auch, weil ich durch manche Punkte, die die einzelnen Kritiken hervorheben, erst gelernt habe, mein eigenes Buch richtig zu lesen. Der Autor taugt ja bekanntlich nicht zum Leser. Mehr so zum Golfspieler und Weintrinker und Großwildjäger.

Regalschleicher nennt das Buch zum Beispiel „eine Detektivgeschichte ohne Mordfall“, lobt die „Sympathie für eigenwillige Charaktere, die ihren skurrilen Hobbies mit einer Ungerührtheit nachgehen, als würden sie sich ihre morgendliche Tasse Tee kochen“ und findet noch manch anderes wohlmeinendes Wort dafür.

Holger spricht auf E-Book-Fieber von der „Entdeckung der Liebe“ und freut sich angesichts meines Geburtsdatums, dass das Buch kein Wende-Buch geworden ist. Da freue ich mich auch, weil Wende-Bücher finde ich meistens blöd. Grade noch mal davongekommen. Auch hier ist in anderer Form von der Selbstverständlichkeit des Ungewöhnlichen die Rede: „Bizarre Menschen darzustellen, die bizarre Dinge unternehmen, ist ganz offensichtlich Multhaupts Stärke.“ Und die war mir gar nicht so richtig klar, diese Selbstverständlichkeit. Und da musste ich dann erst mal drüber nachdenken. Und Nachdenken finde ich schön.

Biggi Rohm von Fudder hält das Buch schmeichelhafterweise für „eines der 12 Bücher, die Du in diesem Sommer lesen solltest“ (wohl dem, der im Sommer genug Zeit für zwölf Bücher hat). Es sei „ein bisschen morbide, seltsam und poetisch“ und „perfekt für einen Spätsommernachmittag.“

Leider ist der Sommer ja nun kalendarisch betrachtet schon vorbei. Macht aber nichts. Man kann es auch an einem der letzten warmen Herbsttage noch lesen, findet Ralf Steinberg vom Fantasy-Guide, nennt es eine „bezaubernde Liebesgeschichte“ mit „phantastischen Schlenkern“ und beschwört den Geruch feuchter Blätter und das große Wort Coming of Age herauf. Nebenher erwähnt er auch lobend das (wirklich) wunderschöne Cover von Nicole Altenhoff.

Edith Oxenbauer empfiehlt das Buch auf T-Art insbesondere lesenden Eltern, um die Erinnerung an die eigene Pubertät, diese „sehr emotionale Welt“, wieder aufzufrischen – worüber ich mich ganz besonders freue, kommen doch schließlich die Elternfiguren in der Geschichte nicht allzu positiv weg. „Nicht lachen“, mahnt sie im Hinblick auf die (natürlich überbordend kitschigen) romantischen Phantasien, in denen mein Protagonist Jan schwelgt. „Wer meint, er wäre während seiner Pubertät bei klarem Verstand gewesen, hat diese wahrscheinlich […] vergessen.“ Das stimmt wohl. Aber lachen darf man trotzdem ruhig, sowohl um Sympathie, als auch, um Distanz zu bekunden. Da bin ich gar nicht böse drum.

So. Jetzt fühle ich mich reichlich gebauchpinselt und überaus dankbar, dass es Leser gibt, die besser zu Lesern taugen als ich, und kann mit der Arbeit weitermachen.

Oder vielleicht lerne ich erst mal Golf spielen.

Lieblingsletztesätze.

Die Arbeit an meinem neuen Buch ist abgeschlossen. Das ist aufregend und Grund zur Freude, aber auch ein bisschen traurig, weil eine Geschichte, an der ich lange gearbeitet habe, die sich aufgrund steter kleiner und großer Veränderungen immer lebendig und im Fluss angefühlt hat, auf einmal die Drucklegung erreicht (und damit den Ozean, wenn man schlechte Metaphern mag). Jetzt ist sie fertig und zieht in die Welt hinaus und ich muss sie ziehen lassen. Um mich ein bisschen abzulenken, lese ich erst mal andere Geschichten. Die haben nur ebenfalls die unglückliche Angewohnheit, irgendwann zu enden. Aber wenn man Glück hat, enden sie so schön, dass man ihnen das verzeiht.

In versöhnlicher Abschiedsstimmung (und in Analogie zu einem ähnlichen Unterfangen) habe ich also beschlossen, ein kleines Archiv letzter Sätze zusammenzustellen, denen man verzeihen kann. Und denen man wünscht, dass sie solchen Menschen unter die Augen kommen mögen, die erst den letzten Satz einer Geschichte lesen müssen, bevor sie sich ganz für sie entscheiden. Diese zehn Geschichten nämlich sind es allesamt wert, dass man sich ganz für sie entscheidet.

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„Sag, bist du eines Tages tot?“
„Nein“, antwortete Monsieur Hasehase, „das muss nicht sein.“

(Marie-Aude Murail: Simpel)

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Der alte Mann schlief und träumte von den Löwen.

(Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer)

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Still I wunt have no other track.

(Russell Hoban: Riddley Walker)

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In the morning it was morning and I was still alive.
Maybe I’ll write a novel, I thought.
And then I did.

(Charles Bukowski: Post Office)

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For the old festival has ended so that a greater festival may begin. And of the old time nothing will be said, because nothing will be known. But the masks of that departed era, forgotten in a world that has no tolerance for monotony, will find something to remember. And perhaps they will speak of those days as they loiter on the threshold of doors that do not open, or in the darkness at the summit of stairways leading nowhere.

(Thomas Ligotti: The Greater Festival of Masks)

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„Unhappy woman!“ he observed to himself as he walked down the platform of Templecombe station; „for the next six months or so those children will assail her in public with demands for an improper story!“

(Saki: The Story-Teller)

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Leider bin ich dem Erzähler seither nicht wiederbegegnet. Aber falls ich ihn zufällig noch einmal treffen sollte, dann möchte ich ihn vieles fragen.

(Michael Ende: Momo)

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„Bleib wach“, flehte Bill.
Ich tat ihm den Gefallen.

(James Gunn: Der Spielzeugsammler)

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It is night-time in a secret world. There are dancing bears on a frosty rooftop as the happy music plays. She walks the twinkling streets. The good witch waves from a high window. The postman cycles across the sky. She turns up the music still louder. A bulldog barks a yard of stars.
(Kevin Barry: Animal Needs)

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Wir lauschten.

(Truman Capote: Die Grasharfe)

 

Erhabene Katzen und traurige Mädchen.

Jetzt kann ich es ja verraten: Am 7. Juli veröffentlichen die wunderbaren Menschen drüben bei periplaneta Verlag und Mediengruppe meinen ersten kleinen Roman. (Man darf aber auch Novelle zu ihm sagen, oder Erzählung, das sieht er nicht so eng, er hat zum Glück nicht Literatur studiert.)

Eine Detektivgeschichte wird das jedenfalls, aus den düsteren Niederungen der Kleinstadtpubertät. „Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen“ soll sie heißen. Erste Liebe kommt drin vor. Und linke Socken, ein ganzer Karton voll. Und eine alte Kamera. Und ein Dachboden. Und Geheimnisse. Und Antiquare. Und Herr Beckett. Und ein Ich-Erzähler, wie es sich gehört für so Coming-of-Age-Kram. Und tote Katzen. Und traurige Mädchen.

Und Nicole Altenhoff (Nicole Altenhoff Artwork & Illustration) zeichnet wieder für ein traumhaftes Titelbild verantwortlich.

Neue Bitmap (6)

Da freu ich mich.

Ein Film, den es gibt und ein Film, den es nicht gibt.

Ich war im Kino und habe den großartigen Film Anomalisa gesehen, und er war großartig. Das hatte ich einerseits erwartet, weil Charlie Kaufman, ein sicherer Garant für künstlerische Großartigkeit (Being John Malkovich; Adaption; Synecdoche, New York), als Autor und Regisseur dafür verantwortlich zeichnet. Andererseits bin ich skeptischen Herzens in die Vorstellung gegangen, weil ich den Trailer gesehen hatte, und der Trailer sah zwar auch nach Großartigkeit aus, aber nicht nach Charlie-Kaufman-Großartigkeit. Die Charlie-Kaufman-Großartigkeit besteht für mich in seiner Gabe, Schönheit, Poesie und Humor im Deprimierenden und Hoffnungslosen zu finden, und zwar ohne das Deprimierende und Hoffnungslose dabei zu relativieren, wie es viele andere Filme der Bequemlichkeit halber tun. Keine seiner Geschichten hat – handlungsbezogen – ein glückliches Ende im klassischen Sinn, weil das Leben, wenn man es weit genug durchdenkt, auch keines hat. Aber Schönheit kann ihm trotzdem abringen, diesem Leben. Selbst wenn es die Schönheit der Verzweiflung ist.

Der Trailer erzeugt den Eindruck, dass man es hier mit einem warmherzigen, tragikomischen, letztlich aber optimistischen Wohlfühlfilm zu tun hat. Der Held sieht weise und ernst und besorgt aus, und aus dem Off werden Teile eines resignierten Monologs eingespielt, den er zum Ende des Films hält. Die entscheidenden Teile dieses Monologs freilich – die, die tatsächlich etwas aussagen über ihn und die Welt – fehlen; was da eingespielt wird, sind nur die Worthülsen seiner Rede, an die er selbst nicht mehr glaubt. Aber das Ganze ist von hoffnungsvoll aufschwellender Musik untermalt und man nimmt sie ernst, die Worthülsen, und denkt sich: Ja, das Leben ist hart, aber manchmal findet einer trotzdem sein großes Glück, und dann ist es umso verdienter und umso kathartischer und umso schöner.

Der Film, für den da geworben wird: Den gibt es so nicht. Niemand findet in Anomalisa sein großes Glück (so viel kann handlungstechnisch vielleicht vorweggenommen werden, ohne zu überraschen oder Anstoß zu erregen). Alle sind typische Kaufman-Figuren: neurotisch, ziellos, isoliert, unfähig, Anschluss zu finden. Die Geschichte – obwohl die surrealen, phantastischen Elemente sparsamer eingesetzt sind, als man es gewohnt ist – ist eine typische Kaufman-Geschichte, denn im Kern ging es bei ihm nie um das Surreale und die Phantastik, sondern immer um die existenzielle Einsamkeit des modernen Menschen. Das glückliche Ende, das man sich wünscht, bleibt aus, und man weiß, das es ausbleiben wird, aber man wünscht es sich trotzdem. Und das eben ist, so seltsam es klingen mag, ein sehr schönes Gefühl. Kaufmans Figuren wecken große menschliche Empathie im Zuschauer. Sie haben Ecken und Kanten, innerlich wie äußerlich, aber sie gehen so ehrlich damit um, dass man sie mögen muss. Man kann man sich mit ihrem Leiden und ihrem kurzen Glück identifizieren.

Die Frage, die sich beim Vergleich des versprochenen mit dem tatsächlichen Film aufdrängt, ist natürlich: Reicht es denn nicht aus, einen ehrlichen Eindruck dieses empathischen Grundtons zu vermitteln, um Interesse beim Zuschauer zu wecken? Wäre der Trailer nicht denkbar ohne die hoffnungsvoll aufschwellende Musik, die manche Bilder komplett aus dem Kontext reißt (jemand, der einen Hotelflur entlangrennt, steuert automatisch seinem Glück entgegen, wenn man ihn musikalisch entsprechend unterlegt)? Würde der Trailer den Film in ein zu deprimierendes Licht rücken, wenn er den Mut hätte, nicht die überlebensgroßen Kinogefühle heraufzubeschwören, die man im Kino erwartet, sondern zu den kleinen, echten, tief berührenden zu stehen, die man so selten findet und die diesen Film zu etwas Besonderem machen?

Anomalisa als deprimierend darzustellen, wäre andererseits natürlich auch verfälschend, denn das ist er keineswegs. Die kathartische Wucht ist groß und befreiend, es gibt flüchtige Momente, die glücklich machen oder zum Lachen bringen, und die letzte Szene ist trotz ihrer Traurigkeit so versöhnlich und schön, dass neben mir im Kino ein Mann geweint hat. Trotzdem: Charlie Kaufmans für Hollywood ungewöhnliche Weltsicht mag für manchen zu viel sein, mag auf manchen nicht karthartisch wirken, sondern eben deprimierend. Ist es deshalb aber nicht unfair, Menschen mit einem verzerrten Trailer ins Kino zu locken und den Film, den sie gern gesehen hätten, gibt es dann gar nicht? Und ist es nicht genauso unfair, Menschen, denen der Film zusagen könnte, um den Genuss zu bringen, weil ihnen vielleicht der Trailer nicht zusagt?

Generell sind wir doch im 21. Jahrhundert als Kunstkonsumenten sehr im Anspruch gereift. Selbst fürs Popcornkino fordern wir Realitätsbezug statt Eskapismus, wir kommen auch mal mit einem düsteren Grundton klar oder damit, dass eine geliebte Figur am Ende sterben muss. Aber wenn wir uns plötzlich selbst auf der Leinwand wiederfinden, wenn ein Film uns selbst den Spiegel vorhält, künstlerisch verfremdet zwar, aber emotional so nah an den verdrängten Wahrheiten des eigenen Lebens, dass es uns tief trifft, tun wir uns wohl immer noch so schwer mit diesem Erlebnis, dass die Filmindustrie befürchten muss, wir würden kein Geld dafür ausgeben.

Ist das denn wirklich so?

Neue Kurtgeschichten.

#6

Einmal ging Kurt das Geld aus. Da nahm er Zeitung und Schere und bastelte neues.
„Sie können Ihr Geld doch nicht selbst basteln!“, schimpfte der Polizist und wollte ihn festnehmen.
Zum Glück aber konnte Kurt ihn bestechen.

#7

Einmal las Kurt ein Buch von hinten nach vorne.
Da war ihm auf einmal alles ganz klar.

#8

Einmal besah Kurt sich im Spiegel, bis er sich selbst nicht mehr kannte.
Da erschrak er ein wenig, aber er ließ sich nichts anmerken.
Beherzt streckte er die Hand aus und bot dem im Spiegel die Freundschaft an.
„Es ist schön“, sagte er, „neue Leute kennen zu lernen.“

#9

Einmal verliebte sich Kurt.
Da legte er sich ins Bett, aß Hühnersuppe und wartete, bis es vorbeiging.

#10

Einmal ging Kurt zurück auf den Spielplatz. Er setzte sich in den Sandkasten und sah sich erwartungsvoll um.
„Was machen Sie da?“, fragten die Mütter argwöhnisch.
„Ich wollte nur sehen, ob man mich hier noch kennt“, sagte Kurt.

Lieblingserstesätze.

Es ist schön, wenn Geschichten anfangen. Es ist traurig, für gewöhnlich, wenn Geschichten enden, selbst wenn sie glücklich enden. Vielleicht sind deshalb erste Sätze so wichtig. Hier sind zwölf erste Sätze, die Wunder versprechen. Zwölf erste Sätze, die mich prägten oder so, und meistens ihr Versprechen gehalten haben. Manchmal auch nicht. Aber schön ist es in jedem Fall, wenn Geschichten so anfangen. Da ist es fast egal, wie sie weitergehen.

(Aber nur fast.)

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An der Lehrerbildungsanstalt hatten wir einen Professor, der in das Sandtörtchen von Proust verliebt war. 

(Robert Merle: Malevil)

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‘She said that she would dance with me if I brought her red roses,’ cried the young Student; ‚but in all my garden there is no red rose.‘

(Oscar Wilde: The Nightingale and the Rose)

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Ich versuche mir Klarheit zu verschaffen über diese Leidenschaft, deren reine Abwicklung immer den Reiz des Schönen hat. 

(Stendhal: Über die Liebe)

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Samuel Becketts Schönheit setzte ihn den Blicken aus, aber sie verlieh ihm auch eine Art Unsichtbarkeit. 

(André Bernold: Becketts Freundschaft)

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When Farmer Oak smiled, the corners of his mouth spread, till they were within an unimportant distance of his ears, his eyes were reduced to mere chinks, and diverging wrinkles appeared round them, extending upon his countenance like the rays in a rudimentary sketch of the rising sun. 

(Thomas Hardy: Far From the Madding Crowd)

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Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. 

(Peter Stamm: Agnes)

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Als der Kommissar rückwärts in die Wanne fiel, schien es, als würde der unerfreuliche Morgen, dem Anton seine außereheliche Existenz verdankte, doch noch eine Wendung zum Guten nehmen. 

(Viktoras Pivonas: Das Ende der Suche nach dem verlorenen Samowar)

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There was once, in the country of Alifbay, a sad city, the saddest city, a city so ruinously sad that it had forgotten its name. 

(Salman Rushdie: Haroun and the Sea of Stories)

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War das im Jahre 182… ein merkwürdiges Christmas auf Guernesey. An diesem Tag schneite es nämlich. 

(Victor Hugo: Die Arbeiter des Meeres)

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When he woke in the woods in the dark and the cold of the night he’d reach out to touch the child sleeping beside him. 

(Cormac McCarthy: The Road)

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The first ray of light which illumines the gloom, and converts into a dazzling brilliancy that obscurity in which the earlier history of the public career of the immortal Pickwick would appear to be involved, is derived from the perusal of the following entry in the Transactions of the Pickwick Club, which the editor of these papers feels the highest pleasure in laying before his readers, as a proof of the careful attention, indefatigable assiduity, and nice discrimination, with which his search among the multifarious documents confided to him has been conducted. 

(Charles Dickens: The Pickwick Papers)

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Es war Samstagmorgen und Herr Taschenbier saß im Zimmer und wartete. 

(Paul Maar: Eine Woche voller Samstage)

Wunderzigarren und Haferkekse.

Ich bin, wie es manche verehrten Kollegen in diesen Tagen tun und noch tun werden, dem saisonalen Druck erlegen und habe tatsächlich eine Weihnachtsgeschichte geschrieben. Über die heiligen drei Könige. Die heißt

Die heiligen drei Könige

und geht so:

An der Bushaltestelle standen drei bärtige alte Männer in schneebedeckten Wintermänteln und rauchten Zigarren. Einer sah aus wie ein vergessener Philosoph, den nur Professoren und Bibliothekare noch kennen, einer sah aus wie Wilhelm Busch und der dritte fast ein bisschen so wie mein Opa. Daneben stand ich, versuchte die Arbeit aus den Knochen zu schütteln, kramte in den Jackentaschen nach meiner Feiertagslaune und wartete auf den Bus nach Hause. Ich sah starr geradeaus ins dichte Schneetreiben, bemühte mich, den Zigarrenqualm zu ignorieren, den der Wind in meine Richtung blies, und um einer Unterhaltung aus dem Weg zu gehen, tat ich so, als wären die Drei gar nicht da. Sie waren aber nicht bereit, diesen Gefallen zu erwidern.

„Gestatten Sie“, sagte der Mittlere nach einer Weile, und er klang auch fast ein bisschen so wie mein Opa. Seine Stimme war rau vom Alter und warm vom Leben, und ich dachte, bestimmt isst er gern Haferkekse. „Hier fährt doch der Bus zum Klinikum ab?“
Ich drehte mich zu ihm um. „Ja“, sagte ich. „Hat vielleicht Verspätung heute. Ist ja kein Wunder an Heiligabend.“ Und dann starrte ich wieder hinaus in den Schnee.
„So was Ärgerliches“, sagte der Mittlere, aber es schien ihm gar nicht viel auszumachen. „Na, vielleicht können wir uns die Zeit so lange gemeinsam vertreiben. Bisschen schneeschwätzen.“ Und er klopfte mir auf die Schulter, dass der Schnee zu Boden rieselte. „Wissen Sie, wir haben nämlich eine große Freude zu verkünden.“
„Sie sind aber jetzt nicht von so einem Bibelverein?“, fragte ich.
„Nein, nein“, beruhigte mich der Linke, der, der aussah wie Wilhelm Busch, und ich überlegte, ob er den Bart aus einem Museum geklaut haben mochte. Zugetraut hätte ich es ihm. In seinen Augen lag ein Zwinkern auf der Lauer, und unter dem gewissen Bart wahrscheinlich das verschmitzte Lächeln eines alten Gauners versteckt, den man nie gefasst hat.
„Wir sind die heiligen drei Könige“, sagte der Rechte mit majestätischer Gelassenheit und sah trotzdem immer noch mehr wie ein Philosoph als wie ein König aus.
„Und ich“, sagte der Mittlere, der fast ein bisschen mein Opa war, „ich bin der Joseph.“
„Aha“, sagte ich, und erst als ich mich aha sagen hörte, wurde mir klar, dass ich überhaupt nichts verstanden hatte, und da sagte ich es gleich noch mal, aha.
„Seine Frau hat nämlich heute ihr Kind gekriegt“, erklärte der rechte König.
„Mit vierundsechzig Jahren“, sagte der linke.
„Es ist ein Wunder“, sagte der rechte.
Joseph nickte. „Ein Wunder.“
„Glückwunsch!“, sagte ich, weil das ein Wort ist, das einem leicht über die Lippen geht, ganz ohne, dass man nachdenken muss, wie man Gesundheit sagt, wenn einer niest. „Aber Sie können doch nicht gleichzeitig der Joseph sein und einer von den heiligen drei Königen.“
„Ja, warum denn nicht?“ Er sah mich erstaunt an. „Ich sag ja nicht, dass ich der Neger bin.“
„Das ist nämlich Friedrich“, sagte der Linke und deutete auf den Philosophen. „Der hat von uns dreien den schwärzesten Bart.“ Und in der Tat mischten sich in den weißen Bart des rechten Königs vereinzelte schwarze Strähnen, ein letztes Aufblitzen der Jugend, und ich musste an die die Füllung im Mohnkuchen denken, den meine Oma früher zu Weihnachten gebacken hat, und wie die Füllung immer spärlicher wurde, je näher man dem Endstück kam, und wie sie sich schließlich ganz im Kuchenteig verlor.
„Wenn Sie meinen“, sagte ich, denn mit alten Männern, die noch von Negern sprechen, lässt man sich besser auf keine Grundsatzdiskussionen ein, wenn man eigentlich friert und endlich nach Hause will. Auf der Suche nach Königen, auf der Suche nach Wundern ließ ich den Blick über die Gruppe schweifen, und da fiel mir erst auf, dass der Philosoph eine Thermoskanne unter dem Arm trug und der Räuber von Wilhelm Buschs Bart eine Tüte in der Hand hielt.
„Und jetzt fahren Sie sie besuchen, Ihre Frau“, sagte ich.
„Jawoll.“ Joseph strahlte. „Wenn wir nicht alle drei kommen, hat sie gesagt, dann behält sie das Kind gleich für sich. Also kommen wir alle drei. Und wir bringen ihr Lebkuchen mit, und Marzipanstollen, und Früchtepunsch.“
„Nur die Zigarren, die sind für uns“, sagte der linke König und nahm zur Demonstration einen gewaltigen Zug, der dem mutmaßlichen Vorbesitzer seines Bartes, bekanntlich ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, gut angestanden hätte. „Aber die rauchen wir jetzt schon, dass wir hernach nicht das ganze Krankenzimmer vollqualmen damit.“
„Na, die echten drei Könige damals, die haben doch auch Weihrauch mit zur Krippe gebracht“, gab der Rechte zu bedenken.“
„Ah, geh.“ Der Linke winkte unwirsch ab. „Zigarrenrauch ist doch kein Weihrauch.“
„Doch, doch“, sagte der Rechte. „Der schon. Sind ja Festtagszigarren.“
„Weihnachtszigarren“, sagte der Linke.
„Wunderzigarren“, sagte Joseph.
In diesem Moment bog ein Bus um die Straßenecke, langsam und majestätisch wie die Vorhut einer Karawane aus fremden Ländern. Es war die Klinikumslinie. „Das ist Ihrer“, sagte ich, und ich war erleichtert, und ich wusste, dass ich das später für mich behalten würde, wenn ich die Geschichte erzählte, und da war ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich stimmte. Für Joseph dagegen, diesen alten, bärtigen, glücklichen Joseph, war heute alles ganz klar und ganz einfach und bar jeden Widerspruchs.

„Wollen Sie nicht vielleicht mitkommen?“, fragte er, und immer noch war er fast ein bisschen mein Opa, aber eben nur fast. „Nein, danke“, sagte ich. „Es gibt doch nur drei heilige Könige.“Joseph nickte. „Ja“, sagte er, „da lässt sich natürlich nichts dran machen.“ Und Wilhelm Busch griff in seine Tragetasche und gab mir einen Lebkuchen in die Hand. Die Mandel in der Mitte saß schief, und in der Mitte saß sie eigentlich auch nicht, aber es war ein Lebkuchen, keine Frage. Als der Bus vor dem Wartehäuschen zum Stehen kam und die Türen sich zischend öffneten, verabschiedeten die heiligen drei Könige sich eilig, wünschten mir frohe Weihnachten, und mit ihren festlichen Gaben für die glückliche Mutter stiegen sie ein. Drei nicht ganz zu Ende gerauchte Zigarrenstummel blieben im Schnee zurück. Ich sah dem Bus hinterher und spürte so etwas wie Heimweh.

Rote Bücher.

Nach welchen Kriterien man seine Lektüre auswählt, bleibt einem natürlich selbst überlassen, außer man studiert irgendwas mit Büchern und so, zum Beispiel, nur mal so aus der Luft gegriffen, englische Literatur. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle, gestützt auf meine Leseerlebnisse der jüngeren Zeit, einen neuen Vorschlag in dieser Sache anbringen: Die letzten vier Bücher, die ich gelesen habe, liegen nämlich im Regal aufeinandergestapelt (nebeneinander geht wegen Platzmangels nicht mehr) und da ist mir erst aufgefallen ist, dass sie alle vier rote Rücken haben. Auch wenn ich mich damit selbst disqualifiziere, weil mein eigenes Buch farblich außerhalb dieser illustren Ränge steht,  rufe ich also den Bibliophilen dieser Welt zu: Lest Bücher mir roten Rücken! Es lohnt sich.

John Williams: Stoner

Das braucht man inzwischen wohl niemandem mehr zu empfehlen, weil jeder, dem man es empfiehlt, schon davon gehört hat, und sogar dieser Schauspieler, wie heißt er noch, der hat es gelesen. Geht allein schon deshalb in meine Lieblingsbücherliste ein, weil ich weinen musste, und zwar mehr als einmal, und die Bücher, die mich dazu gekriegt haben, die kann man nun wirklich an einer Hand abzählen. Die kleine wellige Stelle auf Seite 202 rührt aber nicht von Tränenflüssigkeit, sondern von unachtsam gehandhabtem Bier her, nur falls sich jemand wundert. Dabei wäre der Verdacht nachvollziehbar, denn tatsächlich findet sich dort einer der schönsten Sätze des ganzen Buches:  Like all lovers, they spoke much of themselvs, as if they might thereby understand the world which made them possible. Aber dann muss man eigentlich doch wieder sagen – wie Tucholsky dereinst über die Gedichte eines gewissen Herrn Morgenstern – dass irgendwie jeder Satz der schönste ist. Ein absolut vollkommenes Buch.

 Cormac McCarthy: Child of God

 In the spring Ballard watched two hawks couple and drop, their wings upswept, soundless out of the sun to break and flare above the trees and ring up again with thin calls. He eyed them on, watching to see if one were hurt. He did not know how hawks mated but he knew that all things fought.

Ja, na gut. Es geht um einen moralisch degenerierten Hinterwäldler, der sexuell gestört ist, zuerst in einem zerfallenden Haus, bei fortgeschrittener moralischer Degeneration dann in einer Höhle wohnt und gerne mal Menschen umbringt, bevorzugt Frauen. Und trotzdem ist auch dieses, so befremdlich das klingen mag, ein schönes Buch. McCarthy zu empfehlen ist problematisch, weil das bei ihm halt immer so geht: Erst fast man die Handlung zusammen und dann sagt man, du, das ist echt ein schönes Buch, düster, pessimistisch, verstörend, ein bisschen zu ehrlich vielleicht für manche Stimmungslagen und für manche Menschen, aber schön. Nur will einem das dann irgendwie keiner mehr glauben. Dabei ist es wahr.

 Tracy Letts: Killer Joe

 Wenn Quentin Tarantino ein Theaterstück geschrieben hätte…Aber wer will heutzutage noch Tarantino-Vergleiche hören.  Trotzdem, solche Dialoge fordern es ja geradezu heraus. That poor, miserable bastard set his own genitals on fire just to teach his girlfriend a lesson. I guess he showed her. I wonder if she ever got over it. Was he all right? No. No, he was not all right. He set his genitals on fire. Man kann das mögen, oder man kann das albern und unreif finden, oder ein bisschen von beidem vielleicht. Wenn einem letzteres gelingt, ist Killer Joe großartige Unterhaltung.

 Jez Butterworth: Jerusalem

Ein versoffener alter Engländer sitzt in seinem Domizil mitten im Wald, wartet auf die Zwangsräumung und erzählt perspektivlosen Jugendlichen, wie er nach einer durchzechten Nach einmal dem Riesen begegnet ist, der Stonehenge gebaut hat. Oder wie er von einer Gewehrkugel gezeugt wurde, die seine Mutter gestreift hat. Es wird viel getrunken, viel geflucht, man hat eine Menge zu lachen, eine Menge zum sich-gemeinsam-mit-dem-Helden-drüber-aufregen, und ab und zu, immer an genau den richtigen Stellen, wird es auch mal poetisch.

I heard an oak tree cry. I’ve heard beech sing hymns. I seen a man they buried in the churchyard Friday sitting under a beech eating an apple on Saturday morning. When the light goes, and I stare out into the trees, there’s always pairs of eyes out there in the dark, watching. Foxes. Badgers. Ghosts. I seen lots of ghosts. I seen women burn love letters. Men dig holes in the dead of night. I seen a young girl walk down here in the cold dawn, take all her clothes off, wrap her arms round a broad beech tree and give birth to a baby boy. I seen first kisses. Last kisses. I seen all the world pass by and go.

 Na bitte.

Lest Bücher mit roten Rücken. Seht die Welt an euch vorbeiziehen. Wenn es zu schnell geht – man kann immer zurückblättern.

Wie ich zu Weihnachten einmal nach England fliegen sollte.

Also, es war kurz vor Weihnachten, und ich war zu Hause und hatte eine Ordnermappe, in der ich die Weihnachtsgeschenke für die Familie verwahrt habe, die war ein bisschen wie ein mehrlagiger Koffer, aber trotzdem eben nur so groß wie eine Mappe, jedenfalls meistens, machmal war sie auch so groß wie ein Koffer, vor allem, wenn man Bettwäsche unterbringen wollte, und trotzdem war sie auch ein bisschen wie ein Regal, man konnte nämlich zum Beispiel Kindlers komplettes Literaturlexikon (25 Bände) reinstellen, oder reinlegen, oder was weiß ich, und die Mappe danach ganz normal zuklappen, und sie war nicht mal besonders schwer.

Es war also kurz vor Weihnachten, aber mir war etwas mulmig zumute, weil ich nach den Feiertagen eine Bildungsreise nach England machen sollte, und wir hatten keinen Flug gebucht, sondern ich sollte mit einem fliegenden Teppich  über den Kanal, und ich dachte, was, wenn ich reinfalle oder drüben den Anschluss an meine Gruppe verpasse, weil ich zu spät komme oder ganz woanders lande, aber meine Mutter hat gesagt, nein, kommt nicht in Frage, du fliegst mit dem Teppich. Den hatten wir auch schon zu Hause, den Teppich, der war ein paar Tage zuvor geliefert worden, aber irgendwie hatte das bisher niemand für erwähnenswert gehalten, und an Heiligabend hab ihn dann ausprobiert. Am Anfang schwebte er immer gleich an die Decke hoch, wie ein Heliumballon, und ich konnte mich nicht draufsetzen, das nervte ein bisschen. Aber irgendwann hatte ich den Dreh dann raus und es ging doch noch ganz gut mit dem Fliegen, ich saß nur sehr unsicher auf dem Ding und bin ständig in irgendwelche Türrahmen geflogen, aber ein fliegender Teppich ist ja auch nicht fürs Haus gedacht.

Da habe ich ihn dann draußen ausprobiert, und auf einmal passte meine ganze Familie drauf, ich weiß nicht wie, vorher war er viel kleiner und wir haben einen Probeflug zum Buchhaus am Markt unternommen, und das war auch in Ordnung, nur der blöde Teppich hat den längsten und umständlichsten Weg genommen und war auch noch ziemlich langsam. Im Buchhaus am Markt wollte ich  in letzter Minute noch ein Weihnachtsgeschenk für meinen Bruder kaufen, weil ich das peinlicherweise vergessen hatte, und dann habe ich gemerkt, ich habe ja auch noch drei kleine Schwestern, und ich habe mich gewundert, dass mir das all die Jahre entgangen war und warum ich denen eigentlich noch nie was geschenkt habe, und ich bin zu der Einsicht gelangt, dass sie wahrscheinlich einfach nicht so wichtige Figuren seien und Süßigkeiten schon reichen würden, und dann bin ich aufgewacht und mir blieb zum Glück der Teppichflug über den Ärmelkanal erspart, aber ein Geschenk für meinen Bruder muss ich immer noch kaufen, weil nämlich, der hatte unlängst Geburtstag. Träume.

Wie ich Bob Dylan einmal Beihilfe zum Mord leistete

Also, Bob Dylan und ich und ein paar andere zwielichtige Typen haben den Liebhaber seiner Frau umgelegt, und alle Zeugen, und in einer Zeitung aus der Zukunft stand, dass wir dessen überführt werden würden, ein beängstigend realistisches Szenario also, und im Traum hab ich gedacht, wenn das doch bloß ein Traum wäre, aus dem ich aufwachen könnte, und dann bin ich aufgewacht und es war bloß ein Traum, und ich war sehr erleichtert und habe gefrühstückt. Bob Dylan spricht übrigens beeindruckend akzentfreies Deutsch. Und bei ihm zu Hause sieht es genauso aus wie in dem dänischen Ferienhaus, in dem ich vor ungefähr zwölf Jahren mit meiner Familie Urlaub gemacht habe. Das heißt, wenn Dänemark Teil der Südstaaten wäre. Ihr Einsatz, Doktor Freud.