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Bodenhaftung

The poet who lived next door when you were young and poor
Grew up to be a backstabbing entrepreneur.
(Warren Zevon: Genius)

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„Sie haben vier Jahre als Küchenhilfe gearbeitet“, sagt die Frau auf dem Arbeitsamt wohlwollend, „da sieht man ja, dass Sie auch anpacken können. Ich krieg hier ja oft diese Künstlertypen, die haben einfach noch keine Bodenhaftung.“
„Ja“, sage ich und lächle affirmativ und nicke affirmativ, entweder weil ich feige bin und ein Selbstverleugner und Fremdaffirmierer oder weil ich schon gefährlich viel Bodenhaftung habe, aber wenigstens meine Künstlermütze behalte ich auf beim Nicken. Die nächsten paar Nächte schlafe ich schlecht.

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„Ich bin ja Künstler geworden“, sagt Janosch in irgendeinem Interview, „weil ich dachte, das ist keine Arbeit.“ Vielleicht hat er es auch ein bisschen anders gesagt. Wollte ich nicht nachprüfen. War mir zu viel Arbeit.

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Ich bin ja Künstler geworden, weil ich dachte, das ist zwar Arbeit, aber angenehme Arbeit. Die Art Arbeit, nach der man gut schläft. Die Art Arbeit, die einen fordert, stolz macht, anderen Freude bereitet, natürlich auch ein bisschen die eigene Eitelkeit bedient, aber welche Arbeit, nach der man gut schläft, tut das nicht?

Mit 17 war ich ein ganz großer Idealist und habe im Wesentlichen von zwei Dingen geträumt, von dem stillen Mädchen aus dem Französischkurs und von literarischem Weltruhm, und beides ist schon so lange her, dass es mir nicht mehr peinlich ist, es zuzugeben. Ich wollte damals von Beruf Schriftsteller werden. Ich dachte, das ist ein ganz normaler Beruf, Schriftsteller, wie Lehrer oder Anwalt oder Müllmann. Wie der Tagesablauf aussieht bei so einem Schriftsteller, das war mir ganz klar. Der steht frühmorgens auf, tritt im Bademantel am Fenster, schaut schweigend auf das frühmorgendliche Vorstadtidyll und trinkt einen Kaffee. Und dann steckt er sich eine Pfeife in den Mund, setzt eine Künstlermütze auf, klemmt sich hinter die Schreibmaschine und fängt an zu schreiben und fühlt sich gut dabei und ist irgendwann fertig und trinkt Rotwein oder Whisky. Und kriegt ab und zu mal Literaturpreise oder geht einkaufen, aber ist meistens zu Hause und schreibt. Und leistet einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft, weil Leute das lesen, was er schreibt und es gut finden und vielleicht ein bisschen gerettet werden von dem, was er schreibt. Und dass er Geld hat, um einkaufen zu gehen, das setzte ich damals einfach als selbstverständlich voraus. Schließlich kriegte er ab und zu Literaturpreise.

Später dann habe ich herausgefunden, dass Geld mitnichten etwas Selbstverständliches, dabei aber etwas sehr Wichtiges ist. Und dass Arbeit nach gängiger Definition nur dann wirklich Arbeit ist, wenn man genug Geld dafür kriegt, sonst ist sie bestenfalls ein Hobby und schlimmstenfalls Tagträumerei.

Seitdem hat den Idealisten in mir nach und nach ein abgebrühter Zyniker ersetzt, den ich mir aus irgendwelchen Filmen und Büchern und Serien über desillusionierte Künstler abgeguckt hatte (Llewyn Davis, here’s looking at you). Den abgebrühten Zyniker zu spielen, ist natürlich auf selbstzerstörerische Weise ein Mordsspaß und hat mir den absterbenden Idealisten erträglicher gemacht, weil der Zyniker den besseren Text hatte. Der durfte die Kunst schlechtreden, weil er selber Kunst machte. Der durfte so Sachen sagen wie „Das ist zwar ein Scheißtext, aber beim Publikum kommt er an“, oder „Ich mach das eh nur fürs Geld“, und dann verächtlich in den Spucknapf spucken, der selbstredend  in jedem Backstage in der Ecke steht. Manchmal macht er das heute noch.

Aber wenn er ehrlich zu sich selber ist, dann meint er das gar nicht so. Dann ist er eigentlich ganz zart und verletzlich, dieser abgeguckte Zyniker. Der hat nur auf einmal Angst davor gekriegt, Künstler zu sein, und damit kam er nicht klar. Weil er früher gedacht hatte, es sei etwas Schönes und Bewundernswertes, Künstler zu sein. Weil er es für selbstverständlich gehalten hatte, dass alle anderen genauso dachten. Weil er sich das alles ein bisschen zu einfach vorgestellt hatte. Und weil er so viele andere Künstler traf, die noch Idealisten waren und ohne Scheu und Scham und Schande an ihr Talent glaubten, und an ihre Zukunft glaubten, und an l’art pour l’art, und die hasste und liebte und beneidete er gleichermaßen, weil er das selbst nicht mehr konnte. Und dann spuckte er halt in die Ecke und redete von Geld und davon, dass Kunst Arbeit ist und dass man irgendwas falsch macht, wenn sie einem Spaß macht, aber so richtig glauben konnte er das trotz allem nicht.

Ich will gar nicht groß die gesellschaftskritische Keule schwingen, ich will keine hehre Anklageschrift verfassen, dafür bin ich zu klein und zu müde. Ich will keinen weiteren Text über eine kalte, phantasiearme Gesellschaft von Philistern schreiben, die ihre Künstler nicht wertzuschätzen weiß und sie in den Selbsthass treibt. Von diesen Texten gibt es genug, und ganz Unrecht  haben sie nicht , aber es gibt genug und Jammern hilft auch nicht weiter. Lehrer und Anwälte und Müllmänner (Müllleute?) haben es schließlich auch nicht leicht.

Ich habe ziemlich weit ausgeholt, aber eigentlich will ich nur ein bisschen über Angst schreiben. Weil Angst, genau wie Geld, etwas sehr Wichtiges ist, aber man redet viel weniger über Angst als über Geld. Dabei hängt beides so eng zusammen.

Angst kann ein Motor für Kunst sein, kann aber auch das Aus für sie bedeuten. Es kommt vor, dass sich Künstler angesichts des Gegenwinds, der ihnen entgegenschlägt, selbst nicht mehr wertschätzen und irgendwann aufgeben. Aus Wut, aus Unsicherheit, aus Ungeduld, aus Zeitmangel, aus Geldmangel – aus Angst eben. Ich habe Angst, weil ich zur Zeit viel an Geld und Sicherheit denke und wenig an literarischen Weltruhm, und weil das vielleicht ein Zeichen von Bodenhaftung ist, und Bodenhaftung kann sehr hinderlich sein, wenn man eigentlich fliegen will.

Das ist natürlich ein Luxusproblem, fliegen zu wollen und sich nicht zu trauen. Vielleicht aber braucht man ein bisschen Gegenwind, gegen den man anfliegen kann. Vielleicht wird nur so aus dem Hobby, der Tagträumerei, am Ende ein Beruf, eine Berufung. Sich als Künstler zu bezeichnen, obwohl man von der Kunst nicht leben kann, ist womöglich der Sieg über die leidige Selbstdefinition via Brotberuf. Der Sieg des Idealismus über die Bodenhaftung. Wenn man den Mut dazu hat. Es ist nämlich auch ein ziemlich sicherer Weg, belächelt oder verachtet zu werden. Sich in Konsequenz vielleicht selbst zu belächeln und zu verachten. Zum Schluss die Kunst als solche zu belächeln und zu verachten. Sie aufzugeben und, sagen wir mal, in die Wirtschaft zu gehen, da werden Sprachkenntnisse schließlich immer gebraucht und man macht das ja eh nur fürs Geld.

Ich habe Angst, mir selbst in den Rücken zu fallen.

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„Jetzt ist ja Sommer“, sagt die Frau vom Arbeitsamt. „da ist ja grade Saison in der Gastronomie. Ich geb Ihnen da einfach mal zwei Vermittlungsvorschläge mit. Sie können dann auch selbst noch mal gucken.“
„Ja“, sage ich und lächle affirmativ und nicke affirmativ und bewerbe mich in der Gastronomie, da ist ja grade Saison. Da braucht man seine Bodenhaftung auch wirklich, sonst rutscht man leicht aus bei dem ganzen Öl und Schmodder und Spülwasser, das kenne ich schon. Und es ist ja an sich nun wirklich nichts Schlimmes an Bodenhaftung. Wer am Boden haftet, der weht wenigstens nicht weg (so wie in einer großartigen Kurzgeschichte von Bruno Schulz die gelangweilten Schüler  vom Herbstwind aus dem Klassenzimmer getragen werden).

Was man nicht darf, das ist nur: Mehr Angst vor dem Weggewehtwerden haben, als man Lust hat, zu fliegen.

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„So you have worked at not working?“, fragt jene gewisse amerikanische Talkshow-Moderatorin in geschliffener Formulierung.

„Absolutely“, sagt Cormac McCarthy, der bestimmt einen Bademantel besitzt und eine Pfeife und eine Schreibmaschine, aber für all das hat er hart kämpfen müssen, und in Talkshows tritt er normalerweise auch nicht auf. „It’s the number one priority.“

Zeitungsnotiz.

Möchte dem geneigten Zeitungsleser trotz unseres redlichen Bemühens um allerbeste Qualität einmal die  vorgegebene Reihenfolge der Worte in unseren Artikeln missfallen, so sei ihm freundlichst empfohlen, sie mittels Schere und Alleskleber nach Gusto neu anzuordnen.

Die Redaktion

Eine gute Nachricht

Wenn man mich reden lässt, rede ich von Grammophonen.

Ralf Steinberg vom Fantasyguide hat ein Interview mit mir geführt, weil ich vor kurzem ein Buch geschrieben habe. Wer also schon immer mal wissen wollte, ob ich ein Grammophon besitze (nein), ob die erste Liebe überbewertet wird (ja) und was mich zuletzt verzaubert hat (Herbst), der weiß das jetzt schon und muss es gar nicht mehr nachlesen. Wer ein bisschen mehr Zeit und Muße hat, und Lust auf spannende Wörter wie „Ich-Perspektive“ und „Bier“, findet die lang gefassten Antworten hier.

Eigenlob aus fremden Mündern

Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen (ich brauche selbst immer kurze Bedenkzeit, bis ich den vollständigen Titel aufsagen kann) ist seit Anfang Juli im Umlauf und kann von Menschen gelesen werden. Manche Menschen lesen das Buch tatsächlich, und es gefällt ihnen sogar. Davon zeugen die schönen Rezensionen der letzten Wochen, die ich im Rausch meiner Selbstgefälligkeit hier kurz aufzählen möchte, weil sie so schön sind und weil ich darin vorkomme, und auch, weil ich durch manche Punkte, die die einzelnen Kritiken hervorheben, erst gelernt habe, mein eigenes Buch richtig zu lesen. Der Autor taugt ja bekanntlich nicht zum Leser. Mehr so zum Golfspieler und Weintrinker und Großwildjäger.

Regalschleicher nennt das Buch zum Beispiel „eine Detektivgeschichte ohne Mordfall“, lobt die „Sympathie für eigenwillige Charaktere, die ihren skurrilen Hobbies mit einer Ungerührtheit nachgehen, als würden sie sich ihre morgendliche Tasse Tee kochen“ und findet noch manch anderes wohlmeinendes Wort dafür.

Holger spricht auf E-Book-Fieber von der „Entdeckung der Liebe“ und freut sich angesichts meines Geburtsdatums, dass das Buch kein Wende-Buch geworden ist. Da freue ich mich auch, weil Wende-Bücher finde ich meistens blöd. Grade noch mal davongekommen. Auch hier ist in anderer Form von der Selbstverständlichkeit des Ungewöhnlichen die Rede: „Bizarre Menschen darzustellen, die bizarre Dinge unternehmen, ist ganz offensichtlich Multhaupts Stärke.“ Und die war mir gar nicht so richtig klar, diese Selbstverständlichkeit. Und da musste ich dann erst mal drüber nachdenken. Und Nachdenken finde ich schön.

Biggi Rohm von Fudder hält das Buch schmeichelhafterweise für „eines der 12 Bücher, die Du in diesem Sommer lesen solltest“ (wohl dem, der im Sommer genug Zeit für zwölf Bücher hat). Es sei „ein bisschen morbide, seltsam und poetisch“ und „perfekt für einen Spätsommernachmittag.“

Leider ist der Sommer ja nun kalendarisch betrachtet schon vorbei. Macht aber nichts. Man kann es auch an einem der letzten warmen Herbsttage noch lesen, findet Ralf Steinberg vom Fantasy-Guide, nennt es eine „bezaubernde Liebesgeschichte“ mit „phantastischen Schlenkern“ und beschwört den Geruch feuchter Blätter und das große Wort Coming of Age herauf. Nebenher erwähnt er auch lobend das (wirklich) wunderschöne Cover von Nicole Altenhoff.

Edith Oxenbauer empfiehlt das Buch auf T-Art insbesondere lesenden Eltern, um die Erinnerung an die eigene Pubertät, diese „sehr emotionale Welt“, wieder aufzufrischen – worüber ich mich ganz besonders freue, kommen doch schließlich die Elternfiguren in der Geschichte nicht allzu positiv weg. „Nicht lachen“, mahnt sie im Hinblick auf die (natürlich überbordend kitschigen) romantischen Phantasien, in denen mein Protagonist Jan schwelgt. „Wer meint, er wäre während seiner Pubertät bei klarem Verstand gewesen, hat diese wahrscheinlich […] vergessen.“ Das stimmt wohl. Aber lachen darf man trotzdem ruhig, sowohl um Sympathie, als auch, um Distanz zu bekunden. Da bin ich gar nicht böse drum.

So. Jetzt fühle ich mich reichlich gebauchpinselt und überaus dankbar, dass es Leser gibt, die besser zu Lesern taugen als ich, und kann mit der Arbeit weitermachen.

Oder vielleicht lerne ich erst mal Golf spielen.

Lieblingsletztesätze.

Die Arbeit an meinem neuen Buch ist abgeschlossen. Das ist aufregend und Grund zur Freude, aber auch ein bisschen traurig, weil eine Geschichte, an der ich lange gearbeitet habe, die sich aufgrund steter kleiner und großer Veränderungen immer lebendig und im Fluss angefühlt hat, auf einmal die Drucklegung erreicht (und damit den Ozean, wenn man schlechte Metaphern mag). Jetzt ist sie fertig und zieht in die Welt hinaus und ich muss sie ziehen lassen. Um mich ein bisschen abzulenken, lese ich erst mal andere Geschichten. Die haben nur ebenfalls die unglückliche Angewohnheit, irgendwann zu enden. Aber wenn man Glück hat, enden sie so schön, dass man ihnen das verzeiht.

In versöhnlicher Abschiedsstimmung (und in Analogie zu einem ähnlichen Unterfangen) habe ich also beschlossen, ein kleines Archiv letzter Sätze zusammenzustellen, denen man verzeihen kann. Und denen man wünscht, dass sie solchen Menschen unter die Augen kommen mögen, die erst den letzten Satz einer Geschichte lesen müssen, bevor sie sich ganz für sie entscheiden. Diese zehn Geschichten nämlich sind es allesamt wert, dass man sich ganz für sie entscheidet.

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„Sag, bist du eines Tages tot?“
„Nein“, antwortete Monsieur Hasehase, „das muss nicht sein.“

(Marie-Aude Murail: Simpel)

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Der alte Mann schlief und träumte von den Löwen.

(Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer)

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Still I wunt have no other track.

(Russell Hoban: Riddley Walker)

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In the morning it was morning and I was still alive.
Maybe I’ll write a novel, I thought.
And then I did.

(Charles Bukowski: Post Office)

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For the old festival has ended so that a greater festival may begin. And of the old time nothing will be said, because nothing will be known. But the masks of that departed era, forgotten in a world that has no tolerance for monotony, will find something to remember. And perhaps they will speak of those days as they loiter on the threshold of doors that do not open, or in the darkness at the summit of stairways leading nowhere.

(Thomas Ligotti: The Greater Festival of Masks)

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„Unhappy woman!“ he observed to himself as he walked down the platform of Templecombe station; „for the next six months or so those children will assail her in public with demands for an improper story!“

(Saki: The Story-Teller)

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Leider bin ich dem Erzähler seither nicht wiederbegegnet. Aber falls ich ihn zufällig noch einmal treffen sollte, dann möchte ich ihn vieles fragen.

(Michael Ende: Momo)

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„Bleib wach“, flehte Bill.
Ich tat ihm den Gefallen.

(James Gunn: Der Spielzeugsammler)

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It is night-time in a secret world. There are dancing bears on a frosty rooftop as the happy music plays. She walks the twinkling streets. The good witch waves from a high window. The postman cycles across the sky. She turns up the music still louder. A bulldog barks a yard of stars.
(Kevin Barry: Animal Needs)

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Wir lauschten.

(Truman Capote: Die Grasharfe)

 

Erhabene Katzen und traurige Mädchen.

Jetzt kann ich es ja verraten: Am 7. Juli veröffentlichen die wunderbaren Menschen drüben bei periplaneta Verlag und Mediengruppe meinen ersten kleinen Roman. (Man darf aber auch Novelle zu ihm sagen, oder Erzählung, das sieht er nicht so eng, er hat zum Glück nicht Literatur studiert.)

Eine Detektivgeschichte wird das jedenfalls, aus den düsteren Niederungen der Kleinstadtpubertät. „Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen“ soll sie heißen. Erste Liebe kommt drin vor. Und linke Socken, ein ganzer Karton voll. Und eine alte Kamera. Und ein Dachboden. Und Geheimnisse. Und Antiquare. Und Herr Beckett. Und ein Ich-Erzähler, wie es sich gehört für so Coming-of-Age-Kram. Und tote Katzen. Und traurige Mädchen.

Und Nicole Altenhoff (Nicole Altenhoff Artwork & Illustration) zeichnet wieder für ein traumhaftes Titelbild verantwortlich.

Neue Bitmap (6)

Da freu ich mich.

Ein Film, den es gibt und ein Film, den es nicht gibt.

Ich war im Kino und habe den großartigen Film Anomalisa gesehen, und er war großartig. Das hatte ich einerseits erwartet, weil Charlie Kaufman, ein sicherer Garant für künstlerische Großartigkeit (Being John Malkovich; Adaption; Synecdoche, New York), als Autor und Regisseur dafür verantwortlich zeichnet. Andererseits bin ich skeptischen Herzens in die Vorstellung gegangen, weil ich den Trailer gesehen hatte, und der Trailer sah zwar auch nach Großartigkeit aus, aber nicht nach Charlie-Kaufman-Großartigkeit. Die Charlie-Kaufman-Großartigkeit besteht für mich in seiner Gabe, Schönheit, Poesie und Humor im Deprimierenden und Hoffnungslosen zu finden, und zwar ohne das Deprimierende und Hoffnungslose dabei zu relativieren, wie es viele andere Filme der Bequemlichkeit halber tun. Keine seiner Geschichten hat – handlungsbezogen – ein glückliches Ende im klassischen Sinn, weil das Leben, wenn man es weit genug durchdenkt, auch keines hat. Aber Schönheit kann ihm trotzdem abringen, diesem Leben. Selbst wenn es die Schönheit der Verzweiflung ist.

Der Trailer erzeugt den Eindruck, dass man es hier mit einem warmherzigen, tragikomischen, letztlich aber optimistischen Wohlfühlfilm zu tun hat. Der Held sieht weise und ernst und besorgt aus, und aus dem Off werden Teile eines resignierten Monologs eingespielt, den er zum Ende des Films hält. Die entscheidenden Teile dieses Monologs freilich – die, die tatsächlich etwas aussagen über ihn und die Welt – fehlen; was da eingespielt wird, sind nur die Worthülsen seiner Rede, an die er selbst nicht mehr glaubt. Aber das Ganze ist von hoffnungsvoll aufschwellender Musik untermalt und man nimmt sie ernst, die Worthülsen, und denkt sich: Ja, das Leben ist hart, aber manchmal findet einer trotzdem sein großes Glück, und dann ist es umso verdienter und umso kathartischer und umso schöner.

Der Film, für den da geworben wird: Den gibt es so nicht. Niemand findet in Anomalisa sein großes Glück (so viel kann handlungstechnisch vielleicht vorweggenommen werden, ohne zu überraschen oder Anstoß zu erregen). Alle sind typische Kaufman-Figuren: neurotisch, ziellos, isoliert, unfähig, Anschluss zu finden. Die Geschichte – obwohl die surrealen, phantastischen Elemente sparsamer eingesetzt sind, als man es gewohnt ist – ist eine typische Kaufman-Geschichte, denn im Kern ging es bei ihm nie um das Surreale und die Phantastik, sondern immer um die existenzielle Einsamkeit des modernen Menschen. Das glückliche Ende, das man sich wünscht, bleibt aus, und man weiß, das es ausbleiben wird, aber man wünscht es sich trotzdem. Und das eben ist, so seltsam es klingen mag, ein sehr schönes Gefühl. Kaufmans Figuren wecken große menschliche Empathie im Zuschauer. Sie haben Ecken und Kanten, innerlich wie äußerlich, aber sie gehen so ehrlich damit um, dass man sie mögen muss. Man kann man sich mit ihrem Leiden und ihrem kurzen Glück identifizieren.

Die Frage, die sich beim Vergleich des versprochenen mit dem tatsächlichen Film aufdrängt, ist natürlich: Reicht es denn nicht aus, einen ehrlichen Eindruck dieses empathischen Grundtons zu vermitteln, um Interesse beim Zuschauer zu wecken? Wäre der Trailer nicht denkbar ohne die hoffnungsvoll aufschwellende Musik, die manche Bilder komplett aus dem Kontext reißt (jemand, der einen Hotelflur entlangrennt, steuert automatisch seinem Glück entgegen, wenn man ihn musikalisch entsprechend unterlegt)? Würde der Trailer den Film in ein zu deprimierendes Licht rücken, wenn er den Mut hätte, nicht die überlebensgroßen Kinogefühle heraufzubeschwören, die man im Kino erwartet, sondern zu den kleinen, echten, tief berührenden zu stehen, die man so selten findet und die diesen Film zu etwas Besonderem machen?

Anomalisa als deprimierend darzustellen, wäre andererseits natürlich auch verfälschend, denn das ist er keineswegs. Die kathartische Wucht ist groß und befreiend, es gibt flüchtige Momente, die glücklich machen oder zum Lachen bringen, und die letzte Szene ist trotz ihrer Traurigkeit so versöhnlich und schön, dass neben mir im Kino ein Mann geweint hat. Trotzdem: Charlie Kaufmans für Hollywood ungewöhnliche Weltsicht mag für manchen zu viel sein, mag auf manchen nicht karthartisch wirken, sondern eben deprimierend. Ist es deshalb aber nicht unfair, Menschen mit einem verzerrten Trailer ins Kino zu locken und den Film, den sie gern gesehen hätten, gibt es dann gar nicht? Und ist es nicht genauso unfair, Menschen, denen der Film zusagen könnte, um den Genuss zu bringen, weil ihnen vielleicht der Trailer nicht zusagt?

Generell sind wir doch im 21. Jahrhundert als Kunstkonsumenten sehr im Anspruch gereift. Selbst fürs Popcornkino fordern wir Realitätsbezug statt Eskapismus, wir kommen auch mal mit einem düsteren Grundton klar oder damit, dass eine geliebte Figur am Ende sterben muss. Aber wenn wir uns plötzlich selbst auf der Leinwand wiederfinden, wenn ein Film uns selbst den Spiegel vorhält, künstlerisch verfremdet zwar, aber emotional so nah an den verdrängten Wahrheiten des eigenen Lebens, dass es uns tief trifft, tun wir uns wohl immer noch so schwer mit diesem Erlebnis, dass die Filmindustrie befürchten muss, wir würden kein Geld dafür ausgeben.

Ist das denn wirklich so?

Platt und zufrieden.

Ich habe kürzlich einen Text für die Slambühne geschrieben, bei dem ich durchgängig schreie. Dieser Text ist aus sehr persönlichen Motiven entstanden. Ich mag ihn, er macht mir großen Spaß und ich stehe hinter seiner Aussage. Seine Aussage ist aber natürlich sehr schlicht. Seine Sprache noch schlichter. Man könnte ihn platt nennen und ich würde das nicht als Beleidigung empfinden, weil es stimmt. Schreitexte sind die literarische Holzhammermethode, seine Wut laut zu machen. Die müssen aus ihrer Selbstdefinition heraus schlicht und platt sein, sonst konkurrieren Inhalt und Effekt und sie funktionieren nicht.

Meinen Schreitext habe ich inzwischen ein paar Mal ausprobiert und dabei festgestellt, dass er sehr gut funktioniert. Mir stellt sich die Frage: Warum? Warum löst ein Text, den ich im Affekt und ohne großes Nachdenken in einer halben Stunde runtergeschrieben habe, augenscheinlich größere Publikumsbefriedigung aus als die meisten anderen Texte in meinem Repertoire, in denen deutlich mehr Arbeit und Überlegung steckt? Ich sehe drei mögliche Erklärungen dafür.

1) Die romantische Erklärung:
Gerade weil ich den Text im Affekt und ohne großes Nachdenken runtergeschrieben habe. Die geläufige romantische Auffassung von Dichtung ist ja die, dass es sich um den Ausdruck inneren Empfindens handelt und Schreiben demnach kein rationaler, sondern ein primär emotionaler Prozess sein muss. Was natürlich, so gern ich die Romantiker in der Blüte meiner Jugend gelesen habe, ziemlicher Quatsch ist. Selbst Wordsworth gesteht sich schließlich ein, Poesie sei zwar „a spontaneous overflow of powerful feelings“, aber „recollected in tranquility“, eben nicht im Affekt, sondern in geistiger Nüchternheit. Word.

2) Die Tucholsky’sche Erklärung:
Weil das Publikum dumm ist. Weil mit Kraftausdrücken gespicktes Geschrei größeren Unterhaltungswert hat als Textformen, die mehr Aufmerksamkeit oder mehr Phantasie erfordern. Weil ein Text, der sechs Minuten lang eine einzige klare Aussage variiert, besser runterrutscht als ein Text, der sich etwa die Freiheit nimmt, keine klare Aussage zu treffen, sondern Interpretationsspielraum zu lassen. Gegen diese verallgemeinernde Erklärung mag sprechen, dass ich nach einem Auftritt einmal zu Recht darauf hingewiesen wurde, dass der Schreitext ein bisschen zu offensichtlich auf seinem gesellschaftskritischen Anspruch herumreitet; das Wort „Gesellschaft“ selbst falle etwa viel zu häufig. Dass es Menschen gibt, denen solche Dinge kritisch auffallen und die sie ansprechen, ist eine schöne Sache, gilt aber für das Publikum im Ganzen vielleicht nur bedingt.

3) Die schmerzliche Erklärung:
Weil die anderen Texte – die Nicht-Schreitexte – einfach weniger gut sind. Weil sie sich in ihrem Anspruch übernehmen, weil sie besser sein wollen, als sie es gemessen an meinen Ausdrucksmöglichkeiten überhaupt sein können. Nur weil in einer Geschichte viel Arbeit und Überlegung steckt, muss das Endergebnis noch keinen gehobenen Wert haben. Vielleicht kann ich zwar einen Schreitext schreiben, der funktioniert, aber an der Art Text, die ich gern zum Funktionieren bringen würde, scheitere ich. Und vielleicht ist das Publikum gar nicht dumm, sondern merkt das. Und honoriert bzw. ahndet es entsprechend.

Wahrscheinlich sind alle drei Erklärungen Blödsinn. Texte funktionieren auf einer Bühne einfach manchmal, und manchmal funktionieren sie nicht. Wenn sie funktionieren, ist das nicht unbedingt ein sicheres Qualitätsmerkmal, aber doch das bestmögliche Szenario für Publikum und Vortragenden gleichermaßen: Die einen werden unterhalten, der andere gebauchpinselt, und beide sind – zumindest für den Moment – zufrieden.

Und Zufriedensein, das ist doch schon irgendwie gut.

Neue Kurtgeschichten.

#6

Einmal ging Kurt das Geld aus. Da nahm er Zeitung und Schere und bastelte neues.
„Sie können Ihr Geld doch nicht selbst basteln!“, schimpfte der Polizist und wollte ihn festnehmen.
Zum Glück aber konnte Kurt ihn bestechen.

#7

Einmal las Kurt ein Buch von hinten nach vorne.
Da war ihm auf einmal alles ganz klar.

#8

Einmal besah Kurt sich im Spiegel, bis er sich selbst nicht mehr kannte.
Da erschrak er ein wenig, aber er ließ sich nichts anmerken.
Beherzt streckte er die Hand aus und bot dem im Spiegel die Freundschaft an.
„Es ist schön“, sagte er, „neue Leute kennen zu lernen.“

#9

Einmal verliebte sich Kurt.
Da legte er sich ins Bett, aß Hühnersuppe und wartete, bis es vorbeiging.

#10

Einmal ging Kurt zurück auf den Spielplatz. Er setzte sich in den Sandkasten und sah sich erwartungsvoll um.
„Was machen Sie da?“, fragten die Mütter argwöhnisch.
„Ich wollte nur sehen, ob man mich hier noch kennt“, sagte Kurt.