Bodenhaftung

The poet who lived next door when you were young and poor
Grew up to be a backstabbing entrepreneur.
(Warren Zevon: Genius)

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„Sie haben vier Jahre als Küchenhilfe gearbeitet“, sagt die Frau auf dem Arbeitsamt wohlwollend, „da sieht man ja, dass Sie auch anpacken können. Ich krieg hier ja oft diese Künstlertypen, die haben einfach noch keine Bodenhaftung.“
„Ja“, sage ich und lächle affirmativ und nicke affirmativ, entweder weil ich feige bin und ein Selbstverleugner und Fremdaffirmierer oder weil ich schon gefährlich viel Bodenhaftung habe, aber wenigstens meine Künstlermütze behalte ich auf beim Nicken. Die nächsten paar Nächte schlafe ich schlecht.

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„Ich bin ja Künstler geworden“, sagt Janosch in irgendeinem Interview, „weil ich dachte, das ist keine Arbeit.“ Vielleicht hat er es auch ein bisschen anders gesagt. Wollte ich nicht nachprüfen. War mir zu viel Arbeit.

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Ich bin ja Künstler geworden, weil ich dachte, das ist zwar Arbeit, aber angenehme Arbeit. Die Art Arbeit, nach der man gut schläft. Die Art Arbeit, die einen fordert, stolz macht, anderen Freude bereitet, natürlich auch ein bisschen die eigene Eitelkeit bedient, aber welche Arbeit, nach der man gut schläft, tut das nicht?

Mit 17 war ich ein ganz großer Idealist und habe im Wesentlichen von zwei Dingen geträumt, von dem stillen Mädchen aus dem Französischkurs und von literarischem Weltruhm, und beides ist schon so lange her, dass es mir nicht mehr peinlich ist, es zuzugeben. Ich wollte damals von Beruf Schriftsteller werden. Ich dachte, das ist ein ganz normaler Beruf, Schriftsteller, wie Lehrer oder Anwalt oder Müllmann. Wie der Tagesablauf aussieht bei so einem Schriftsteller, das war mir ganz klar. Der steht frühmorgens auf, tritt im Bademantel am Fenster, schaut schweigend auf das frühmorgendliche Vorstadtidyll und trinkt einen Kaffee. Und dann steckt er sich eine Pfeife in den Mund, setzt eine Künstlermütze auf, klemmt sich hinter die Schreibmaschine und fängt an zu schreiben und fühlt sich gut dabei und ist irgendwann fertig und trinkt Rotwein oder Whisky. Und kriegt ab und zu mal Literaturpreise oder geht einkaufen, aber ist meistens zu Hause und schreibt. Und leistet einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft, weil Leute das lesen, was er schreibt und es gut finden und vielleicht ein bisschen gerettet werden von dem, was er schreibt. Und dass er Geld hat, um einkaufen zu gehen, das setzte ich damals einfach als selbstverständlich voraus. Schließlich kriegte er ab und zu Literaturpreise.

Später dann habe ich herausgefunden, dass Geld mitnichten etwas Selbstverständliches, dabei aber etwas sehr Wichtiges ist. Und dass Arbeit nach gängiger Definition nur dann wirklich Arbeit ist, wenn man genug Geld dafür kriegt, sonst ist sie bestenfalls ein Hobby und schlimmstenfalls Tagträumerei.

Seitdem hat den Idealisten in mir nach und nach ein abgebrühter Zyniker ersetzt, den ich mir aus irgendwelchen Filmen und Büchern und Serien über desillusionierte Künstler abgeguckt hatte (Llewyn Davis, here’s looking at you). Den abgebrühten Zyniker zu spielen, ist natürlich auf selbstzerstörerische Weise ein Mordsspaß und hat mir den absterbenden Idealisten erträglicher gemacht, weil der Zyniker den besseren Text hatte. Der durfte die Kunst schlechtreden, weil er selber Kunst machte. Der durfte so Sachen sagen wie „Das ist zwar ein Scheißtext, aber beim Publikum kommt er an“, oder „Ich mach das eh nur fürs Geld“, und dann verächtlich in den Spucknapf spucken, der selbstredend  in jedem Backstage in der Ecke steht. Manchmal macht er das heute noch.

Aber wenn er ehrlich zu sich selber ist, dann meint er das gar nicht so. Dann ist er eigentlich ganz zart und verletzlich, dieser abgeguckte Zyniker. Der hat nur auf einmal Angst davor gekriegt, Künstler zu sein, und damit kam er nicht klar. Weil er früher gedacht hatte, es sei etwas Schönes und Bewundernswertes, Künstler zu sein. Weil er es für selbstverständlich gehalten hatte, dass alle anderen genauso dachten. Weil er sich das alles ein bisschen zu einfach vorgestellt hatte. Und weil er so viele andere Künstler traf, die noch Idealisten waren und ohne Scheu und Scham und Schande an ihr Talent glaubten, und an ihre Zukunft glaubten, und an l’art pour l’art, und die hasste und liebte und beneidete er gleichermaßen, weil er das selbst nicht mehr konnte. Und dann spuckte er halt in die Ecke und redete von Geld und davon, dass Kunst Arbeit ist und dass man irgendwas falsch macht, wenn sie einem Spaß macht, aber so richtig glauben konnte er das trotz allem nicht.

Ich will gar nicht groß die gesellschaftskritische Keule schwingen, ich will keine hehre Anklageschrift verfassen, dafür bin ich zu klein und zu müde. Ich will keinen weiteren Text über eine kalte, phantasiearme Gesellschaft von Philistern schreiben, die ihre Künstler nicht wertzuschätzen weiß und sie in den Selbsthass treibt. Von diesen Texten gibt es genug, und ganz Unrecht  haben sie nicht , aber es gibt genug und Jammern hilft auch nicht weiter. Lehrer und Anwälte und Müllmänner (Müllleute?) haben es schließlich auch nicht leicht.

Ich habe ziemlich weit ausgeholt, aber eigentlich will ich nur ein bisschen über Angst schreiben. Weil Angst, genau wie Geld, etwas sehr Wichtiges ist, aber man redet viel weniger über Angst als über Geld. Dabei hängt beides so eng zusammen.

Angst kann ein Motor für Kunst sein, kann aber auch das Aus für sie bedeuten. Es kommt vor, dass sich Künstler angesichts des Gegenwinds, der ihnen entgegenschlägt, selbst nicht mehr wertschätzen und irgendwann aufgeben. Aus Wut, aus Unsicherheit, aus Ungeduld, aus Zeitmangel, aus Geldmangel – aus Angst eben. Ich habe Angst, weil ich zur Zeit viel an Geld und Sicherheit denke und wenig an literarischen Weltruhm, und weil das vielleicht ein Zeichen von Bodenhaftung ist, und Bodenhaftung kann sehr hinderlich sein, wenn man eigentlich fliegen will.

Das ist natürlich ein Luxusproblem, fliegen zu wollen und sich nicht zu trauen. Vielleicht aber braucht man ein bisschen Gegenwind, gegen den man anfliegen kann. Vielleicht wird nur so aus dem Hobby, der Tagträumerei, am Ende ein Beruf, eine Berufung. Sich als Künstler zu bezeichnen, obwohl man von der Kunst nicht leben kann, ist womöglich der Sieg über die leidige Selbstdefinition via Brotberuf. Der Sieg des Idealismus über die Bodenhaftung. Wenn man den Mut dazu hat. Es ist nämlich auch ein ziemlich sicherer Weg, belächelt oder verachtet zu werden. Sich in Konsequenz vielleicht selbst zu belächeln und zu verachten. Zum Schluss die Kunst als solche zu belächeln und zu verachten. Sie aufzugeben und, sagen wir mal, in die Wirtschaft zu gehen, da werden Sprachkenntnisse schließlich immer gebraucht und man macht das ja eh nur fürs Geld.

Ich habe Angst, mir selbst in den Rücken zu fallen.

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„Jetzt ist ja Sommer“, sagt die Frau vom Arbeitsamt. „da ist ja grade Saison in der Gastronomie. Ich geb Ihnen da einfach mal zwei Vermittlungsvorschläge mit. Sie können dann auch selbst noch mal gucken.“
„Ja“, sage ich und lächle affirmativ und nicke affirmativ und bewerbe mich in der Gastronomie, da ist ja grade Saison. Da braucht man seine Bodenhaftung auch wirklich, sonst rutscht man leicht aus bei dem ganzen Öl und Schmodder und Spülwasser, das kenne ich schon. Und es ist ja an sich nun wirklich nichts Schlimmes an Bodenhaftung. Wer am Boden haftet, der weht wenigstens nicht weg (so wie in einer großartigen Kurzgeschichte von Bruno Schulz die gelangweilten Schüler  vom Herbstwind aus dem Klassenzimmer getragen werden).

Was man nicht darf, das ist nur: Mehr Angst vor dem Weggewehtwerden haben, als man Lust hat, zu fliegen.

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„So you have worked at not working?“, fragt jene gewisse amerikanische Talkshow-Moderatorin in geschliffener Formulierung.

„Absolutely“, sagt Cormac McCarthy, der bestimmt einen Bademantel besitzt und eine Pfeife und eine Schreibmaschine, aber für all das hat er hart kämpfen müssen, und in Talkshows tritt er normalerweise auch nicht auf. „It’s the number one priority.“

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