Lieblingsletztesätze.

Die Arbeit an meinem neuen Buch ist abgeschlossen. Das ist aufregend und Grund zur Freude, aber auch ein bisschen traurig, weil eine Geschichte, an der ich lange gearbeitet habe, die sich aufgrund steter kleiner und großer Veränderungen immer lebendig und im Fluss angefühlt hat, auf einmal die Drucklegung erreicht (und damit den Ozean, wenn man schlechte Metaphern mag). Jetzt ist sie fertig und zieht in die Welt hinaus und ich muss sie ziehen lassen. Um mich ein bisschen abzulenken, lese ich erst mal andere Geschichten. Die haben nur ebenfalls die unglückliche Angewohnheit, irgendwann zu enden. Aber wenn man Glück hat, enden sie so schön, dass man ihnen das verzeiht.

In versöhnlicher Abschiedsstimmung (und in Analogie zu einem ähnlichen Unterfangen) habe ich also beschlossen, ein kleines Archiv letzter Sätze zusammenzustellen, denen man verzeihen kann. Und denen man wünscht, dass sie solchen Menschen unter die Augen kommen mögen, die erst den letzten Satz einer Geschichte lesen müssen, bevor sie sich ganz für sie entscheiden. Diese zehn Geschichten nämlich sind es allesamt wert, dass man sich ganz für sie entscheidet.

*

„Sag, bist du eines Tages tot?“
„Nein“, antwortete Monsieur Hasehase, „das muss nicht sein.“

(Marie-Aude Murail: Simpel)

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Der alte Mann schlief und träumte von den Löwen.

(Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer)

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Still I wunt have no other track.

(Russell Hoban: Riddley Walker)

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In the morning it was morning and I was still alive.
Maybe I’ll write a novel, I thought.
And then I did.

(Charles Bukowski: Post Office)

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For the old festival has ended so that a greater festival may begin. And of the old time nothing will be said, because nothing will be known. But the masks of that departed era, forgotten in a world that has no tolerance for monotony, will find something to remember. And perhaps they will speak of those days as they loiter on the threshold of doors that do not open, or in the darkness at the summit of stairways leading nowhere.

(Thomas Ligotti: The Greater Festival of Masks)

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„Unhappy woman!“ he observed to himself as he walked down the platform of Templecombe station; „for the next six months or so those children will assail her in public with demands for an improper story!“

(Saki: The Story-Teller)

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Leider bin ich dem Erzähler seither nicht wiederbegegnet. Aber falls ich ihn zufällig noch einmal treffen sollte, dann möchte ich ihn vieles fragen.

(Michael Ende: Momo)

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„Bleib wach“, flehte Bill.
Ich tat ihm den Gefallen.

(James Gunn: Der Spielzeugsammler)

*

It is night-time in a secret world. There are dancing bears on a frosty rooftop as the happy music plays. She walks the twinkling streets. The good witch waves from a high window. The postman cycles across the sky. She turns up the music still louder. A bulldog barks a yard of stars.
(Kevin Barry: Animal Needs)

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Wir lauschten.

(Truman Capote: Die Grasharfe)

 

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