Ein Film, den es gibt und ein Film, den es nicht gibt.

Ich war im Kino und habe den großartigen Film Anomalisa gesehen, und er war großartig. Das hatte ich einerseits erwartet, weil Charlie Kaufman, ein sicherer Garant für künstlerische Großartigkeit (Being John Malkovich; Adaption; Synecdoche, New York), als Autor und Regisseur dafür verantwortlich zeichnet. Andererseits bin ich skeptischen Herzens in die Vorstellung gegangen, weil ich den Trailer gesehen hatte, und der Trailer sah zwar auch nach Großartigkeit aus, aber nicht nach Charlie-Kaufman-Großartigkeit. Die Charlie-Kaufman-Großartigkeit besteht für mich in seiner Gabe, Schönheit, Poesie und Humor im Deprimierenden und Hoffnungslosen zu finden, und zwar ohne das Deprimierende und Hoffnungslose dabei zu relativieren, wie es viele andere Filme der Bequemlichkeit halber tun. Keine seiner Geschichten hat – handlungsbezogen – ein glückliches Ende im klassischen Sinn, weil das Leben, wenn man es weit genug durchdenkt, auch keines hat. Aber Schönheit kann ihm trotzdem abringen, diesem Leben. Selbst wenn es die Schönheit der Verzweiflung ist.

Der Trailer erzeugt den Eindruck, dass man es hier mit einem warmherzigen, tragikomischen, letztlich aber optimistischen Wohlfühlfilm zu tun hat. Der Held sieht weise und ernst und besorgt aus, und aus dem Off werden Teile eines resignierten Monologs eingespielt, den er zum Ende des Films hält. Die entscheidenden Teile dieses Monologs freilich – die, die tatsächlich etwas aussagen über ihn und die Welt – fehlen; was da eingespielt wird, sind nur die Worthülsen seiner Rede, an die er selbst nicht mehr glaubt. Aber das Ganze ist von hoffnungsvoll aufschwellender Musik untermalt und man nimmt sie ernst, die Worthülsen, und denkt sich: Ja, das Leben ist hart, aber manchmal findet einer trotzdem sein großes Glück, und dann ist es umso verdienter und umso kathartischer und umso schöner.

Der Film, für den da geworben wird: Den gibt es so nicht. Niemand findet in Anomalisa sein großes Glück (so viel kann handlungstechnisch vielleicht vorweggenommen werden, ohne zu überraschen oder Anstoß zu erregen). Alle sind typische Kaufman-Figuren: neurotisch, ziellos, isoliert, unfähig, Anschluss zu finden. Die Geschichte – obwohl die surrealen, phantastischen Elemente sparsamer eingesetzt sind, als man es gewohnt ist – ist eine typische Kaufman-Geschichte, denn im Kern ging es bei ihm nie um das Surreale und die Phantastik, sondern immer um die existenzielle Einsamkeit des modernen Menschen. Das glückliche Ende, das man sich wünscht, bleibt aus, und man weiß, das es ausbleiben wird, aber man wünscht es sich trotzdem. Und das eben ist, so seltsam es klingen mag, ein sehr schönes Gefühl. Kaufmans Figuren wecken große menschliche Empathie im Zuschauer. Sie haben Ecken und Kanten, innerlich wie äußerlich, aber sie gehen so ehrlich damit um, dass man sie mögen muss. Man kann man sich mit ihrem Leiden und ihrem kurzen Glück identifizieren.

Die Frage, die sich beim Vergleich des versprochenen mit dem tatsächlichen Film aufdrängt, ist natürlich: Reicht es denn nicht aus, einen ehrlichen Eindruck dieses empathischen Grundtons zu vermitteln, um Interesse beim Zuschauer zu wecken? Wäre der Trailer nicht denkbar ohne die hoffnungsvoll aufschwellende Musik, die manche Bilder komplett aus dem Kontext reißt (jemand, der einen Hotelflur entlangrennt, steuert automatisch seinem Glück entgegen, wenn man ihn musikalisch entsprechend unterlegt)? Würde der Trailer den Film in ein zu deprimierendes Licht rücken, wenn er den Mut hätte, nicht die überlebensgroßen Kinogefühle heraufzubeschwören, die man im Kino erwartet, sondern zu den kleinen, echten, tief berührenden zu stehen, die man so selten findet und die diesen Film zu etwas Besonderem machen?

Anomalisa als deprimierend darzustellen, wäre andererseits natürlich auch verfälschend, denn das ist er keineswegs. Die kathartische Wucht ist groß und befreiend, es gibt flüchtige Momente, die glücklich machen oder zum Lachen bringen, und die letzte Szene ist trotz ihrer Traurigkeit so versöhnlich und schön, dass neben mir im Kino ein Mann geweint hat. Trotzdem: Charlie Kaufmans für Hollywood ungewöhnliche Weltsicht mag für manchen zu viel sein, mag auf manchen nicht karthartisch wirken, sondern eben deprimierend. Ist es deshalb aber nicht unfair, Menschen mit einem verzerrten Trailer ins Kino zu locken und den Film, den sie gern gesehen hätten, gibt es dann gar nicht? Und ist es nicht genauso unfair, Menschen, denen der Film zusagen könnte, um den Genuss zu bringen, weil ihnen vielleicht der Trailer nicht zusagt?

Generell sind wir doch im 21. Jahrhundert als Kunstkonsumenten sehr im Anspruch gereift. Selbst fürs Popcornkino fordern wir Realitätsbezug statt Eskapismus, wir kommen auch mal mit einem düsteren Grundton klar oder damit, dass eine geliebte Figur am Ende sterben muss. Aber wenn wir uns plötzlich selbst auf der Leinwand wiederfinden, wenn ein Film uns selbst den Spiegel vorhält, künstlerisch verfremdet zwar, aber emotional so nah an den verdrängten Wahrheiten des eigenen Lebens, dass es uns tief trifft, tun wir uns wohl immer noch so schwer mit diesem Erlebnis, dass die Filmindustrie befürchten muss, wir würden kein Geld dafür ausgeben.

Ist das denn wirklich so?

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