Platt und zufrieden.

Ich habe kürzlich einen Text für die Slambühne geschrieben, bei dem ich durchgängig schreie. Dieser Text ist aus sehr persönlichen Motiven entstanden. Ich mag ihn, er macht mir großen Spaß und ich stehe hinter seiner Aussage. Seine Aussage ist aber natürlich sehr schlicht. Seine Sprache noch schlichter. Man könnte ihn platt nennen und ich würde das nicht als Beleidigung empfinden, weil es stimmt. Schreitexte sind die literarische Holzhammermethode, seine Wut laut zu machen. Die müssen aus ihrer Selbstdefinition heraus schlicht und platt sein, sonst konkurrieren Inhalt und Effekt und sie funktionieren nicht.

Meinen Schreitext habe ich inzwischen ein paar Mal ausprobiert und dabei festgestellt, dass er sehr gut funktioniert. Mir stellt sich die Frage: Warum? Warum löst ein Text, den ich im Affekt und ohne großes Nachdenken in einer halben Stunde runtergeschrieben habe, augenscheinlich größere Publikumsbefriedigung aus als die meisten anderen Texte in meinem Repertoire, in denen deutlich mehr Arbeit und Überlegung steckt? Ich sehe drei mögliche Erklärungen dafür.

1) Die romantische Erklärung:
Gerade weil ich den Text im Affekt und ohne großes Nachdenken runtergeschrieben habe. Die geläufige romantische Auffassung von Dichtung ist ja die, dass es sich um den Ausdruck inneren Empfindens handelt und Schreiben demnach kein rationaler, sondern ein primär emotionaler Prozess sein muss. Was natürlich, so gern ich die Romantiker in der Blüte meiner Jugend gelesen habe, ziemlicher Quatsch ist. Selbst Wordsworth gesteht sich schließlich ein, Poesie sei zwar „a spontaneous overflow of powerful feelings“, aber „recollected in tranquility“, eben nicht im Affekt, sondern in geistiger Nüchternheit. Word.

2) Die Tucholsky’sche Erklärung:
Weil das Publikum dumm ist. Weil mit Kraftausdrücken gespicktes Geschrei größeren Unterhaltungswert hat als Textformen, die mehr Aufmerksamkeit oder mehr Phantasie erfordern. Weil ein Text, der sechs Minuten lang eine einzige klare Aussage variiert, besser runterrutscht als ein Text, der sich etwa die Freiheit nimmt, keine klare Aussage zu treffen, sondern Interpretationsspielraum zu lassen. Gegen diese verallgemeinernde Erklärung mag sprechen, dass ich nach einem Auftritt einmal zu Recht darauf hingewiesen wurde, dass der Schreitext ein bisschen zu offensichtlich auf seinem gesellschaftskritischen Anspruch herumreitet; das Wort „Gesellschaft“ selbst falle etwa viel zu häufig. Dass es Menschen gibt, denen solche Dinge kritisch auffallen und die sie ansprechen, ist eine schöne Sache, gilt aber für das Publikum im Ganzen vielleicht nur bedingt.

3) Die schmerzliche Erklärung:
Weil die anderen Texte – die Nicht-Schreitexte – einfach weniger gut sind. Weil sie sich in ihrem Anspruch übernehmen, weil sie besser sein wollen, als sie es gemessen an meinen Ausdrucksmöglichkeiten überhaupt sein können. Nur weil in einer Geschichte viel Arbeit und Überlegung steckt, muss das Endergebnis noch keinen gehobenen Wert haben. Vielleicht kann ich zwar einen Schreitext schreiben, der funktioniert, aber an der Art Text, die ich gern zum Funktionieren bringen würde, scheitere ich. Und vielleicht ist das Publikum gar nicht dumm, sondern merkt das. Und honoriert bzw. ahndet es entsprechend.

Wahrscheinlich sind alle drei Erklärungen Blödsinn. Texte funktionieren auf einer Bühne einfach manchmal, und manchmal funktionieren sie nicht. Wenn sie funktionieren, ist das nicht unbedingt ein sicheres Qualitätsmerkmal, aber doch das bestmögliche Szenario für Publikum und Vortragenden gleichermaßen: Die einen werden unterhalten, der andere gebauchpinselt, und beide sind – zumindest für den Moment – zufrieden.

Und Zufriedensein, das ist doch schon irgendwie gut.

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Ein Gedanke zu “Platt und zufrieden.

  1. Vielleicht liegt es am Schreien. Kein Witz. Ein Kollege von Dir, Name zu meiner größten Schande entfallen, hatte das ja perfektioniert. Er schrie, er wolle ein Sofa mit Blauwahlvorhaut beziehen und Angela Merkel zu sich einladen, damit sie auch mal auf einem richtigen Schwanz sitze. Und das hat funktioniert, weil er es geschrien hat. Denn wer schreit, ist offensichtlich nicht er selbst, ist in einer Rolle und darf damit auch Dinge, die er sonst nicht darf.

    Manchmal reicht platt eben auch aus. Das meine ich nicht wertend. Aber mal ehrlich, es darf doch niemand mehr vor intellektuellem Publikum ein Lied mit der simplen Wortfolge „ich liebe dich“ singen, ohne ein Schlagerfuzzi zu sein. Dabei gibt es doch vielleicht nichts Schöneres, was man sagen könnte. Vielleicht darf man das ja schreien, „ich liebe dich“, probier es doch mal aus.

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