Wollen wir uns jetzt küssen?

Als ich ein Jugendlicher war, so richtig mit Pickeln und Hormonstau und Selbstmordgedanken, habe ich ein Jugendbuch gelesen. Ich weiß nicht mehr wie es hieß, aber es gab darin eine großartige Stelle, die ich nie vergessen werde. Mädchen hat sturmfreie Bude, Mädchen nutzt die Gelegenheit, um erste große Liebe einzuladen und zaghafte biologische Experimente durchzuführen. Die beiden sitzen auf dem Bett, der Junge will sie küssen, und sie erzählt ihm, dass gerade überall auf der Welt Menschen sterben: „Gerade jetzt… und jetzt… und jetzt.“ Wollen wir uns jetzt küssen, fragt er, und sie fragt ihn, ob er das denn nicht schlimm finde, das mit den Menschen. Doch sagt, er, natürlich, aber ich will dich jetzt küssen. Und sie wird sauer, weil er so unsensibel ist. „Dann küss mich eben!“, schreit sie, und sie küssen sich, und irgendwie passiert dabei nicht so viel. „Das war kein bisschen gut“, sagt das Mädchen. Wie denn auch.

Der geschätzte Kollege Hank M. Flemming hat unlängst einen wunderbaren Text geschrieben, in dem er unter anderem beklagt, dass das Publikum auf Poetry Slams vor der Realität gesellschaftlicher und politischer Probleme die Ohren verschließt und von Bürgerkriegen und Flüchtlingen nichts wissen will: „Irgendwann is‘ ja auch mal gut.“ Die Bühnenpoeten haben das längst geschnallt, und so sind Texte, die solche Probleme ansprechen, tatsächlich selten. Weil sie nicht gut ankommen, weil sie unangenehm sind, weil das Publikum zwar andächtig schweigt, aber nachher bestenfalls Höflichkeitsapplaus spendet, wenn es nicht wenigstens krasse Binnenreime im Sekundentakt gibt, oder ein bisschen gerappt wird, oder gebeatboxt, oder der Typ am Mikro das Mikro kurz liegen lässt und mit natürlich-unverfälschter Stimmgewalt in den Raum schreit, oder sonst irgendwas Unterhaltsames passiert.

Daran ist überhaupt nichts Schlimmes. Ein Poetry Slam ist keine UN-Tagung. Ein Poetry Slam kostet Eintritt und man darf Bier dazu trinken, und man ist zwar bereit, zwischen humoristischen Alltagsbetrachtungen und egoistischem Weltschmerz auch mal für sechs Minuten die Klappe zu halten und das Bier abzustellen und über das Große Ganze nachzudenken. Aber man will trotzdem unterhalten werden, und nachher will man nach Hause gehen und sich gut fühlen, und bei allem Elend auf der Welt, gerade bei allem Elend auf der Welt, ist es kein Verbrechen, sich gut fühlen zu wollen. Irgendwann is‘ tatsächlich auch mal gut. (Das große Problem dabei mag sein, dass dieses Irgendwann für viele schon viel zu früh erreicht ist, nicht erst bei Beginn der Abendunterhaltung.)  Poetry Slams finden zumeist im Dunkeln statt, Tagungen zumeist im Neonlicht, und das hat seinen Grund. Ein Veranstaltungsraum dient der zeitweisen Flucht vor sich selbst und der Welt. Wenn da einer ans Mikro tritt und das Neonlicht anknips und dabei nicht unterhält, sondern den Katechismus der Gesellschaftskritik predigt, kann das genauso sein, wie wenn man endlich das Mädchen küssen will, aber das Mädchen fragt nur die ganze Zeit, ob man es denn nicht schlimm finde, dass da draußen gerade Menschen sterben.

Das soll nicht bedeuten, dass man auf Poetry Slams keine ernsten politischen  Themen ansprechen kann, und es soll erst recht nicht heißen, dass man das nicht tun sollte. Der Slammer und das Publikum müssen sich dabei nur auf der richtigen Wellenlänge begegnen, und das erfordert Feingefühl. Es ist schick geworden, Publikumsbeschimpfung zu betreiben, die Erwartungen des Publikums zu enttäuschen, das Publikum vor den Kopf zu stoßen, und natürlich muss ein Künstler seine Kunst nicht passgenau an die Wünsche des Publikums angleichen; aber das Publikum hat Eintritt bezahlt und das Publikum will unterhalten werden, und wenn man ihm blöd kommt, dann kriegt man halt Höflichkeitsapplaus, so einfach ist das. Der Junge, der einfach nur das Mädchen küssen will, ist nicht unsensibel, und das Mädchen, das ihn stattdessen auf das Elend der Welt aufmerksam macht, ist keine frigide Gutmenschin, man verzeihe mir den abgelutschten Ausdruck; sie gehen einfach nicht genug aufeinander ein.

Man kann Probleme ansprechen und gleichzeitig unterhalten; Hanks Text macht es vor.  Man kann den Wünschen des Publikums entsprechen, ohne es ihm zu einfach zu machen. Es ist ja nicht so, dass es zwischen Icherzählern, die Samstags zu Ikea zu gehen und das blöd finden und politischen Manifesten keinen Spielraum gäbe. Und letztlich hat ein politischer Text genauso wenig realen Nutzwert wie ein Liebesgedicht oder eine humoristische Reflexion über schwedische Möbelhäuser: Weil ein Poetry Slam eben keine UN-Tagung ist, weil ein Text nichts ändert, weil das Nachdenken über komplexe Probleme meistens eher die eigene intellektuelle und moralische Eitelkeit befriedigt, als zu konkreten Handlungen zu animieren. Niemand steht nach einem Slamtext auf und befreit Zootiere oder fliegt in Krisengebiete, um ehrenamtliche Hilfe zu leisten. Und der Slammer, der dazu aufruft, hat dergleichen meistens auch selbst nicht im Sinn. Der einzige Nutzwert eines Textes ist sein Unterhaltungswert. Und Unterhaltung verdient die negative Konnotation sinnentleerter Massenbespaßung nicht, die ihr im Deutschen anlastet.  Unterhaltung kann die Form von Schenkelklopfen und schönen Empfindungen ebenso annehmen wie die des interessierten Nachdenkens. Kommt ganz auf das Publikum an. Und darauf, wie man mit ihm umgeht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s