Wunderzigarren und Haferkekse.

Ich bin, wie es manche verehrten Kollegen in diesen Tagen tun und noch tun werden, dem saisonalen Druck erlegen und habe tatsächlich eine Weihnachtsgeschichte geschrieben. Über die heiligen drei Könige. Die heißt

Die heiligen drei Könige

und geht so:

An der Bushaltestelle standen drei bärtige alte Männer in schneebedeckten Wintermänteln und rauchten Zigarren. Einer sah aus wie ein vergessener Philosoph, den nur Professoren und Bibliothekare noch kennen, einer sah aus wie Wilhelm Busch und der dritte fast ein bisschen so wie mein Opa. Daneben stand ich, versuchte die Arbeit aus den Knochen zu schütteln, kramte in den Jackentaschen nach meiner Feiertagslaune und wartete auf den Bus nach Hause. Ich sah starr geradeaus ins dichte Schneetreiben, bemühte mich, den Zigarrenqualm zu ignorieren, den der Wind in meine Richtung blies, und um einer Unterhaltung aus dem Weg zu gehen, tat ich so, als wären die Drei gar nicht da. Sie waren aber nicht bereit, diesen Gefallen zu erwidern.

„Gestatten Sie“, sagte der Mittlere nach einer Weile, und er klang auch fast ein bisschen so wie mein Opa. Seine Stimme war rau vom Alter und warm vom Leben, und ich dachte, bestimmt isst er gern Haferkekse. „Hier fährt doch der Bus zum Klinikum ab?“
Ich drehte mich zu ihm um. „Ja“, sagte ich. „Hat vielleicht Verspätung heute. Ist ja kein Wunder an Heiligabend.“ Und dann starrte ich wieder hinaus in den Schnee.
„So was Ärgerliches“, sagte der Mittlere, aber es schien ihm gar nicht viel auszumachen. „Na, vielleicht können wir uns die Zeit so lange gemeinsam vertreiben. Bisschen schneeschwätzen.“ Und er klopfte mir auf die Schulter, dass der Schnee zu Boden rieselte. „Wissen Sie, wir haben nämlich eine große Freude zu verkünden.“
„Sie sind aber jetzt nicht von so einem Bibelverein?“, fragte ich.
„Nein, nein“, beruhigte mich der Linke, der, der aussah wie Wilhelm Busch, und ich überlegte, ob er den Bart aus einem Museum geklaut haben mochte. Zugetraut hätte ich es ihm. In seinen Augen lag ein Zwinkern auf der Lauer, und unter dem gewissen Bart wahrscheinlich das verschmitzte Lächeln eines alten Gauners versteckt, den man nie gefasst hat.
„Wir sind die heiligen drei Könige“, sagte der Rechte mit majestätischer Gelassenheit und sah trotzdem immer noch mehr wie ein Philosoph als wie ein König aus.
„Und ich“, sagte der Mittlere, der fast ein bisschen mein Opa war, „ich bin der Joseph.“
„Aha“, sagte ich, und erst als ich mich aha sagen hörte, wurde mir klar, dass ich überhaupt nichts verstanden hatte, und da sagte ich es gleich noch mal, aha.
„Seine Frau hat nämlich heute ihr Kind gekriegt“, erklärte der rechte König.
„Mit vierundsechzig Jahren“, sagte der linke.
„Es ist ein Wunder“, sagte der rechte.
Joseph nickte. „Ein Wunder.“
„Glückwunsch!“, sagte ich, weil das ein Wort ist, das einem leicht über die Lippen geht, ganz ohne, dass man nachdenken muss, wie man Gesundheit sagt, wenn einer niest. „Aber Sie können doch nicht gleichzeitig der Joseph sein und einer von den heiligen drei Königen.“
„Ja, warum denn nicht?“ Er sah mich erstaunt an. „Ich sag ja nicht, dass ich der Neger bin.“
„Das ist nämlich Friedrich“, sagte der Linke und deutete auf den Philosophen. „Der hat von uns dreien den schwärzesten Bart.“ Und in der Tat mischten sich in den weißen Bart des rechten Königs vereinzelte schwarze Strähnen, ein letztes Aufblitzen der Jugend, und ich musste an die die Füllung im Mohnkuchen denken, den meine Oma früher zu Weihnachten gebacken hat, und wie die Füllung immer spärlicher wurde, je näher man dem Endstück kam, und wie sie sich schließlich ganz im Kuchenteig verlor.
„Wenn Sie meinen“, sagte ich, denn mit alten Männern, die noch von Negern sprechen, lässt man sich besser auf keine Grundsatzdiskussionen ein, wenn man eigentlich friert und endlich nach Hause will. Auf der Suche nach Königen, auf der Suche nach Wundern ließ ich den Blick über die Gruppe schweifen, und da fiel mir erst auf, dass der Philosoph eine Thermoskanne unter dem Arm trug und der Räuber von Wilhelm Buschs Bart eine Tüte in der Hand hielt.
„Und jetzt fahren Sie sie besuchen, Ihre Frau“, sagte ich.
„Jawoll.“ Joseph strahlte. „Wenn wir nicht alle drei kommen, hat sie gesagt, dann behält sie das Kind gleich für sich. Also kommen wir alle drei. Und wir bringen ihr Lebkuchen mit, und Marzipanstollen, und Früchtepunsch.“
„Nur die Zigarren, die sind für uns“, sagte der linke König und nahm zur Demonstration einen gewaltigen Zug, der dem mutmaßlichen Vorbesitzer seines Bartes, bekanntlich ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, gut angestanden hätte. „Aber die rauchen wir jetzt schon, dass wir hernach nicht das ganze Krankenzimmer vollqualmen damit.“
„Na, die echten drei Könige damals, die haben doch auch Weihrauch mit zur Krippe gebracht“, gab der Rechte zu bedenken.“
„Ah, geh.“ Der Linke winkte unwirsch ab. „Zigarrenrauch ist doch kein Weihrauch.“
„Doch, doch“, sagte der Rechte. „Der schon. Sind ja Festtagszigarren.“
„Weihnachtszigarren“, sagte der Linke.
„Wunderzigarren“, sagte Joseph.
In diesem Moment bog ein Bus um die Straßenecke, langsam und majestätisch wie die Vorhut einer Karawane aus fremden Ländern. Es war die Klinikumslinie. „Das ist Ihrer“, sagte ich, und ich war erleichtert, und ich wusste, dass ich das später für mich behalten würde, wenn ich die Geschichte erzählte, und da war ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich stimmte. Für Joseph dagegen, diesen alten, bärtigen, glücklichen Joseph, war heute alles ganz klar und ganz einfach und bar jeden Widerspruchs.

„Wollen Sie nicht vielleicht mitkommen?“, fragte er, und immer noch war er fast ein bisschen mein Opa, aber eben nur fast. „Nein, danke“, sagte ich. „Es gibt doch nur drei heilige Könige.“Joseph nickte. „Ja“, sagte er, „da lässt sich natürlich nichts dran machen.“ Und Wilhelm Busch griff in seine Tragetasche und gab mir einen Lebkuchen in die Hand. Die Mandel in der Mitte saß schief, und in der Mitte saß sie eigentlich auch nicht, aber es war ein Lebkuchen, keine Frage. Als der Bus vor dem Wartehäuschen zum Stehen kam und die Türen sich zischend öffneten, verabschiedeten die heiligen drei Könige sich eilig, wünschten mir frohe Weihnachten, und mit ihren festlichen Gaben für die glückliche Mutter stiegen sie ein. Drei nicht ganz zu Ende gerauchte Zigarrenstummel blieben im Schnee zurück. Ich sah dem Bus hinterher und spürte so etwas wie Heimweh.

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