Rote Bücher.

Nach welchen Kriterien man seine Lektüre auswählt, bleibt einem natürlich selbst überlassen, außer man studiert irgendwas mit Büchern und so, zum Beispiel, nur mal so aus der Luft gegriffen, englische Literatur. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle, gestützt auf meine Leseerlebnisse der jüngeren Zeit, einen neuen Vorschlag in dieser Sache anbringen: Die letzten vier Bücher, die ich gelesen habe, liegen nämlich im Regal aufeinandergestapelt (nebeneinander geht wegen Platzmangels nicht mehr) und da ist mir erst aufgefallen ist, dass sie alle vier rote Rücken haben. Auch wenn ich mich damit selbst disqualifiziere, weil mein eigenes Buch farblich außerhalb dieser illustren Ränge steht,  rufe ich also den Bibliophilen dieser Welt zu: Lest Bücher mir roten Rücken! Es lohnt sich.

John Williams: Stoner

Das braucht man inzwischen wohl niemandem mehr zu empfehlen, weil jeder, dem man es empfiehlt, schon davon gehört hat, und sogar dieser Schauspieler, wie heißt er noch, der hat es gelesen. Geht allein schon deshalb in meine Lieblingsbücherliste ein, weil ich weinen musste, und zwar mehr als einmal, und die Bücher, die mich dazu gekriegt haben, die kann man nun wirklich an einer Hand abzählen. Die kleine wellige Stelle auf Seite 202 rührt aber nicht von Tränenflüssigkeit, sondern von unachtsam gehandhabtem Bier her, nur falls sich jemand wundert. Dabei wäre der Verdacht nachvollziehbar, denn tatsächlich findet sich dort einer der schönsten Sätze des ganzen Buches:  Like all lovers, they spoke much of themselvs, as if they might thereby understand the world which made them possible. Aber dann muss man eigentlich doch wieder sagen – wie Tucholsky dereinst über die Gedichte eines gewissen Herrn Morgenstern – dass irgendwie jeder Satz der schönste ist. Ein absolut vollkommenes Buch.

 Cormac McCarthy: Child of God

 In the spring Ballard watched two hawks couple and drop, their wings upswept, soundless out of the sun to break and flare above the trees and ring up again with thin calls. He eyed them on, watching to see if one were hurt. He did not know how hawks mated but he knew that all things fought.

Ja, na gut. Es geht um einen moralisch degenerierten Hinterwäldler, der sexuell gestört ist, zuerst in einem zerfallenden Haus, bei fortgeschrittener moralischer Degeneration dann in einer Höhle wohnt und gerne mal Menschen umbringt, bevorzugt Frauen. Und trotzdem ist auch dieses, so befremdlich das klingen mag, ein schönes Buch. McCarthy zu empfehlen ist problematisch, weil das bei ihm halt immer so geht: Erst fast man die Handlung zusammen und dann sagt man, du, das ist echt ein schönes Buch, düster, pessimistisch, verstörend, ein bisschen zu ehrlich vielleicht für manche Stimmungslagen und für manche Menschen, aber schön. Nur will einem das dann irgendwie keiner mehr glauben. Dabei ist es wahr.

 Tracy Letts: Killer Joe

 Wenn Quentin Tarantino ein Theaterstück geschrieben hätte…Aber wer will heutzutage noch Tarantino-Vergleiche hören.  Trotzdem, solche Dialoge fordern es ja geradezu heraus. That poor, miserable bastard set his own genitals on fire just to teach his girlfriend a lesson. I guess he showed her. I wonder if she ever got over it. Was he all right? No. No, he was not all right. He set his genitals on fire. Man kann das mögen, oder man kann das albern und unreif finden, oder ein bisschen von beidem vielleicht. Wenn einem letzteres gelingt, ist Killer Joe großartige Unterhaltung.

 Jez Butterworth: Jerusalem

Ein versoffener alter Engländer sitzt in seinem Domizil mitten im Wald, wartet auf die Zwangsräumung und erzählt perspektivlosen Jugendlichen, wie er nach einer durchzechten Nach einmal dem Riesen begegnet ist, der Stonehenge gebaut hat. Oder wie er von einer Gewehrkugel gezeugt wurde, die seine Mutter gestreift hat. Es wird viel getrunken, viel geflucht, man hat eine Menge zu lachen, eine Menge zum sich-gemeinsam-mit-dem-Helden-drüber-aufregen, und ab und zu, immer an genau den richtigen Stellen, wird es auch mal poetisch.

I heard an oak tree cry. I’ve heard beech sing hymns. I seen a man they buried in the churchyard Friday sitting under a beech eating an apple on Saturday morning. When the light goes, and I stare out into the trees, there’s always pairs of eyes out there in the dark, watching. Foxes. Badgers. Ghosts. I seen lots of ghosts. I seen women burn love letters. Men dig holes in the dead of night. I seen a young girl walk down here in the cold dawn, take all her clothes off, wrap her arms round a broad beech tree and give birth to a baby boy. I seen first kisses. Last kisses. I seen all the world pass by and go.

 Na bitte.

Lest Bücher mit roten Rücken. Seht die Welt an euch vorbeiziehen. Wenn es zu schnell geht – man kann immer zurückblättern.

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