Trinklieder in Prosa.

Ein neues Buch!

Zum dritten Mal bin ich zusammen mit Periplaneta am Ende einer langen, schönen Reise angelangt: Das Lektorat ist abgeschlossen, die Texte dank Sarah Strehle sprachlich fein rausgeputzt und logisch zurechtgerückt, Nicole Altenhoff hat wieder ein phantastisches Cover gezaubert, Thomas Manegold einen todschicken Buchblock gesetzt und alles, was jetzt noch bleibt, ist das freudige Warten auf die fertigen Bücher. Leider muss ich dazu Kamillentee trinken statt Wein, weil ich vor lauter Aufregung natürlich prompt krank geworden bin. Aber wie man sehen kann, schweben einem diese blöden Weinflaschen ja sowieso immer vom Tisch.

Herr Murmelsam hängt diesmal feuchtfröhlichen Schnapsideen nach und erzählt tragische Kneipenlegenden. Die handeln zum Beispiel von Studienrat Entenbein und Dorftrunkenbold Wehrmut auf der Suche nach ihrer Lieblingsbrauerei. Oder von Johannes, der in der neunten Klasse immer noch nicht größer ist als eins fünfundsechzig, jeden Freitag mit John Lennon telefoniert und es herrlich findet, betrunken zu sein.  Oder von dem Astronauten, der sich im Keller versteckt, statt auf Mondmission zu gehen, und am Ende den letzten Schluck Bier kriegt. Sie spielen hinter der Kühlschranktür und unter dem Eisberg, in Gottes Garten und an der Pommesbude, an der Bushaltestelle oder im Parkhaus, dem einzig sicheren Refugium, das noch bleibt, nachdem Mondmanns Süßigkeitenladen in die Luft geflogen ist. Manchmal stimmen sie albern und manchmal melancholisch, mal passieren ganz außergewöhnliche Dinge und mal ganz gewöhnliche. Manche haben einen Anfang und manche ein Ende und manche keins von beidem. Manche machen dich verliebt und in manchen stirbt einer. Keine ist wie die andere. Aber einen kleinen Schwips haben sie alle.

Und planmäßiger Release ist schon am 6. Juni. Da freu ich mich.

 

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Wir sind alle Nazis.

Meinungen sind spannend. Ich bin süchtig nach Meinungen. Ich kann nicht genug davon kriegen. Ich bin fasziniert von ihrer Zweischneidigkeit, denn Meinungen sind Grundlage und zugleich Hindernis einer offenen Diskussionskultur. Eine gefestigte Meinung zu haben, heißt, sein Basislager am ideologischen Nordpol (oder am Südpol, oder am Rechtspol, oder am Linkspol) zu errichten und sich dort häuslich niederzulassen, weil man sicher ist, dass es nirgendwo so schön und so moralisch zugeht wie zu Hause.

Meinungsaustausch dagegen ist eine Polarexpedition. Man wagt sich aus der kuscheligen, bestätigenden Wärme des eigenen Lagers hinaus, der Kälte und Ungewissheit der anderen Halbkugel entgegen, und vielleicht trifft man wütende Eisbären, die einen aggressiv röhrend anfallen, oder plappernde Pinguine, die einen inhaltsleer zu Tode schnattern. Polarexpeditionen sind generell ein unbeliebtes Unterfangen, deshalb lassen sich relativ wenige Menschen darauf ein. Deshalb musste erst neulich die Zeit die Aktion „Deutschland spricht“ ins Leben rufen. Weil die Leute aus freien Stücken anscheinend nicht mehr miteinander reden. Weil das, was man so an Diskussionen in sozialen Netzwerken, in Kommentarsektionen und Onlineforen liest, das ist ja keine Redekultur, das ist Grabenkampf. Ab und zu blitzt da im Pulverdampf vielleicht mal ein rationales Argument oder ein kluger Gedanke oder eine sachliche Grundhaltung auf. Aber die meiste Zeit hagelt es nur rhetorische Granaten, und wenn die explodieren, haben sie die Eloquenz und die überzeugende Wirkung einer Knallerbse. Päng. Puff.

Dabei muss Meinungsaustausch ja kein Kaffeekränzchen sein, kein Sonntagsspaziergang. Man darf kritisch sein. Man darf leidenschaftlich für seine Auffassung eintreten, auch wenn es eine unpopuläre Auffassung ist. Man darf sich streiten. Ist alles erlaubt, verbietet niemand (auch wenn ebendas aus gewissen Lagern mit großer Vehemenz behauptet wird). Sich zu streiten, hat in unserer harmoniesüchtigen Kultur zu Unrecht einen sehr negativen Ruf. Warum eigentlich? Streiten, wenn man es richtig macht, ist nicht nur die aktive Ausübung eines Grundrechts, sondern auch ein großes Vergnügen. Aber richtig zu streiten ist eine Herausforderung an das eigene Ego und die eigene Kritikfähigkeit. Man darf austeilen – aber dann muss man auch einstecken können. Und beides mit Würde.

Meinungsfreiheit ist, wie man so bildhaft sagt, keine Einbahnstraße. Ich kann nicht andere Menschen in ihrer Einstellung kritisieren wollen und dann jedes Mal beleidigt losjammern (oder von Zensur fabulieren), wenn mir von anderer Seite das Gleiche widerfährt. Der Preis, den ich dafür zahle, dass ich meine Meinung frei äußern kann, ist eben der, dass ich diese Meinung potentieller Kritik aussetze.

Lustig finde ich es immer, wenn sich Menschen über öffentliche Kanäle beschweren, sie dürften ja ihre Meinung nicht mehr offen sagen. Kritik wäre ja gänzlich unerwünscht, wir hätten längst eine Gesinnungsdiktatur, DDR 2.0, Faschismus im Gewand der offenen Gesellschaft, das ganze Gedöns. Und das schreiben die dann zum Beispiel, ohne dass jemand sie hindert, in der Kommentarsektion der Tagesschau. Oder auf einer öffentlichen Facebook-Seite. Besonders liebe ich es, wenn solche Wortmeldungen mit Variationen der eingeschnappt selbstmitleidigen Formel schließen: „Aber dieser Kommentar wird ja sowieso wieder nicht veröffentlicht, die Wahrheit darf man in Deutschland ja schon lange nicht mehr sagen.“ Und dann wird der Kommentar veröffentlicht, mitsamt aller zweifelhaften „Wahrheit“, mitsamt Beleidigte-Leberwurst-Credo am Ende, und man hat sich in seiner Beweisführung sehr elegant selbst ausgehebelt. Das ist dann sehr schön.

Ich bin nicht einer Meinung mit den beleidigten Leberwürsten. Ich finde sie kurzsichtig und unreflektiert. Aber wenn sie ihre kurzsichtige, unreflektierte Meinung öffentlich kundtun möchten, dann soll und darf sie niemand daran hindern. Sobald wir beginnen, unliebsame Beiträge aus dem allgemeinen Diskurs auszuschließen, sind wir auf dem besten Weg zur Einbahnstraße. Und da wollen, so viel Optimismus leiste ich mir, die meisten von uns nicht hin.

Andererseits schäme ich mich oft für Menschen, die eigentlich meine Meinung teilen und für meine Ideale eintreten – aufgrund der Art und Weise, wie sie das tun. Weil sie dabei allzu oft ihre eigene begrenzte Argumentationsfähigkeit offenlegen. Weil es ihnen mehr darum geht, diese ihre Meinung mit dem Holzhammer durchzusetzen, als sich die Mühe zu machen, sie nachvollziehbar zu begründen. Weil sie lieber den Gegner persönlich angreifen (den sie oft gar nicht persönlich kennen) als die Position, die er oder sie vertritt. Die Rechten und die Linken – und längst ja auch die politische Mitte, soweit es die noch gibt – hauen sich alle gegenseitig dieselben inhaltslosen Anschuldigungen um die Köppe. Tagein, tagaus. Die Argumente beider Seiten sind sattsam bekannt und dadurch längst aufgebraucht, deshalb kann man die Diskussion offenbar nur noch auf Basis von Beschimpfungen, Beleidigungen, unfundierten Behauptungen, Besserwisserei und Allgemeinplätzen führen. Und mit ganz vielen expressiven Emojis und Satzzeichen natürlich, die untermauern die Seriosität eines Beitrags nämlich erheblich. In seiner Stumpfsinnigkeit ist das oft so ermüdend, dass man, wenn man sich solche Dialoge durchliest, irgendwann vergisst, worum es ursprünglich überhaupt noch mal ging.

Florian Hapermann @Herbert Holperting Wissen Sie eigentlich, was Demokratie bedeutet?

Herbert Holperting @Florian Hapermann ja allerdings und sie???

Florian Hapermann @Herbert Holperting Ich schon, aber Sie anscheinend wohl eher nicht.

Herbert Holperting @Florian Hapermann haha wenn man keine ahnung hat einfach mal die fresse halten xD

Florian Hapermann wird es schließlich zu dumm und er sanktioniert den verbalen Heiterkeitsausbruch mit einem wütenden Smiley, das kann man ja dank Reaktionsfunktion seit einiger Zeit auf Facebook, wenn man zu faul ist für eine altmodische Wortmeldung. Dann ist er stolz, weil der Klügere nachgibt. Debatte beendet.

Beschimpfungen ohne Halt und Kontext sind derzeit ein beliebtes Vehikel der freien Meinungsäußerung (mein persönlicher Liebling war neulich irgendwo: „Verklumptes Material genetisch-menschlicher DNA wie Sie…“, das ist wenigstens mal etwas origineller als das ewige Gutmensch!Nazi!-Ping-Pong-Spiel). In einem aber sind sich dann wenigstens alle einig: Der Gegner ist gegen Meinungsfreiheit. Das ist das eine große Argument, das alle Lager eint. Die Rechten sind Nazis, weil sie gegen Meinungsfreiheit sind (so die Linken). Die Linken sind auch Nazis, weil sie erst recht gegen Meinungsfreiheit sind (so die Rechten). Alle sind gegen Meinungsfreiheit, folglich sind also alle Nazis. Oder so ähnlich. Meine logischen Basiskenntnisse sind ein bisschen eingerostet in diesem vom Geifer feuchten Klima.

Für mich ist die Universalanwendbarkeit eines solchen Vorwurfs das deutlichste Symptom einer völlig festgefahrenen Diskussionskultur, die durch politische Frontenverhärtung und eben rhetorischen Grabenkampf entstanden ist. Manchmal, in seltenen Fällen, mag der Vorwurf seine Berechtigung haben. Meist liegt ihm aber nur eine kindische und (man beachte das r) hochgradig narzisstische Einstellung zugrunde: Sobald jemand die eigene Meinung nicht teilt, verstößt derjenige oder diejenige damit gegen die Meinungsfreiheit – weil er oder sie einen in der (völlig illusorischen) Freiheit verletzt, für die eigene Meinung ausschließlich geliebt, gelobt und gefeiert zu werden.

Dieser persönliche Narzissmus verharmlost aber gerade die Strömungen in der politischen Landschaft, die tatsächlich auf gesellschaftlich relevanter Ebene eine Gefahr für Meinungsfreiheit und intellektuelle Vielfalt darstellen – und das ist das eigentlich Schlimme daran. Wenn man seine persönliche Stellungnahme äußert und dafür Kritik und Widerspruch von Anderdenkenden erntet, dann ist das kein Angriff auf die Meinungsfreiheit, sondern bestätigt sie. Das will einigen nicht in den Kopf. Ein Ende der Meinungsfreiheit ist erst da erreicht, wo schon die reine Äußerung nicht mehr möglich ist (wie, um die altbekannten Beispiele zu bemühen, in der DDR oder im NS-Staat). Wir gehen mit dem Begriff viel zu lax um. Meinungsfreiheit ist eine unschätzbar wertvolle menschliche Errungenschaft und ein hohes Gut der modernen Gesellschaft (ich möchte sie nicht zum allerhöchsten Gut erklären, solche Superlative finde ich immer etwas gefährlich). Aber sie schafft kein Paradies des harmonischen Einklangs, das darf man von ihr nicht erwarten. Das ist sogar das Gegenteil dessen, wofür sie steht. Sie steht für Streit. Streit im besten Sinne. Streit als Austausch, Streit als Polarexpedition. Nicht Streit um der bloßen Empörung oder der bloßen Häme willen.

Es ist ein Unterschied, ob jemand sagt: „Ich bin gegen die Asylpolitik der Regierung“ – oder ob jemand, wenn sich im Flüchtlingsheim ein junger Mensch erhängt, kommentiert: „Gut so, einer weniger.“ Genauso ist es ein Unterschied, ob man sich der erstgenannten Aussage, wenn man anderer Meinung ist, durch Nachfragen und mit entsprechenden Gegenargumenten stellt – oder ob man „scheiss Nazi“ drunterschreibt und sich moralisch im Recht fühlt. Das erste ist Meinungsfreiheit. Das zweite ist im besten Fall Faulheit, im schlimmsten Fall Geistlosigkeit.

Wut und Empörung können zwar eine scheintote Debatte befeuern, sie können durchaus die Sprungfeder sein, die manche Menschen benötigen, um ihre Meinung zu äußern. Der öffentliche Diskurs braucht Leidenschaft, und etliche Meisterstücke der klassischen Rhetorik fußen auf Wut – aber auf gelenkter und fundierter Wut. Cicero liest man heute noch im Lateinunterricht, weil er sich ein bisschen mehr Mühe gegeben hat, als sich einfach hinzustellen und zu sagen:

in Catilinam haha wenn man keine ahnung hat einfach mal die fresse halten xD

Wenn man sich am Stammtisch nach dem fünften Bier mal vergisst und sich in seiner Wortführung mehr von Gefühlen als von Logik leiten lässt, verstehe ich das. Passiert mir auch. Ich verstehe es aber nicht, wenn man in der schriftbasierten Streitkultur des Internets – die einem durchaus die Möglichkeit lässt, nachzudenken und sich gegebenenfalls zu informieren, bevor man sich äußert – ohne weiteren Mehrwert nur seiner Wut Luft macht und das dann auch noch zu einem hehren Akt der freien Meinungsäußerung adelt (das tun die Bewohner beider Pole gern) oder meint, man hätte damit irgendetwas anderes bewirkt, als die Leute, die man sowieso schon auf seiner Seite hat, in ihrer Polzugehörigkeit noch zu bestärken und die Leute, die auf der anderen Seite stehen, noch weiter von der Position zu entfremden, von der man sie eigentlich überzeugen wollte. (Oder wollte man gar nicht?) Das ist schade, das ist verschwendete Energie, wenn auch bei minimalem Energieaufwand.

Ich habe natürlich meinen Pol, wie alle anderen auch. Ich fühle mich dort einigermaßen sesshaft. Und mir ist im gegenwärtigen Klima weiß Gott nicht immer nach Polarexpedition zumute, bei der ganzen Kälte, die einem häufig aus der anderen Richtung entgegenweht, sobald man die Komfortzone verlässt. („Gut so, einer weniger.“)

Aber einfach die Tür verrammeln und sich in seine moralische Überlegenheit einkuscheln, ist eben auch keine Lösung, so verlockend es manchmal – nein, oft – erscheinen mag. Eisbären sind auch nur Menschen.

Und nun möge, wer Lust hat, gern polwärts reisen und sich mit mir darüber streiten. Mein Iglu ist wärmegedämmt und ich habe Bier kaltgestellt.

Neue Romanideen.

Seit ich den Rohentwurf meines aktuellen Romanprojekts abgeschlossen habe, fehlt es mir an kreativen Perspektiven für die Zukunft. Zum Glück bin ich jetzt aber auf einen Buchtitelgenerator gestoßen und habe mich von seinen eigenwilligen Titelvorschlägen zu Handlungsabrissen für gleich zwanzig neue Projekte inspirieren lassen. Zwei davon habe ich aber lieber an Daniel Kehlmann abgetreten – mit dem verbleibenden Rest habe ich auch so schon bis an mein Lebensende genug zu tun.

 

*

 

Verwackelte Katzen, öde Zeugen

Der Nachfolger zu Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen, diesmal aus der Sicht der Erwachsenen, die im ersten Buch ja nur Randfiguren waren, weil ich sie langweilig fand. Hoffentlich darf es dann diesmal auch seinen Ursprungstitel behalten und muss nicht „Über das Fotografieren verwackelter Katzen und die Erwachsenheit öder Zeugen“ heißen.

 

Ein idealer Inhalt des Sumpfes

England, kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Auf dem Herrensitz der Familie Hopkinsworth wird ein großer diplomatischer Empfang gegeben. Zur Cocktailstunde führen die internationalen Gäste scharfe politische Diskussionen, die Atmosphäre ist angespannt. Dann eine unglaubliche Nachricht: Im benachbarten Sumpf ist die Leiche des ältesten Sohnes, eines kommunistisch inspirierten Idealisten, verstümmelt aufgefunden worden. Zunehmend offene Anschuldungen der Gäste untereinander bringen die Situation schließlich zum Eskalieren. Der mehrdeutige Titel spielt dabei natürlich zugleich auf den Sumpf des Krieges an, in dem die ganze Welt bald unaufhaltsam versinken wird, sonst wäre es ja ein Krimi und keine Literatur.

 

Der Vorschlag des zerzausten Übergangs

Ostberlin, 1983. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges lernt ein westdeutscher Journalist während eines DDR-Aufenthalts eine junge Sängerin kennen und verliebt sich in sie. Bald bittet sie ihn, sie bei seiner Rückkehr in den Westen über die Grenze zu schmuggeln. Er willigt ein. Aber die Stasi hat die junge Frau mit ihren nicht linientreuen Liedtexten längst ins Auge gefasst, sonst wäre es ja eine Liebesgeschichte und keine Literatur.

 

Saftige Hose mit Gesicht

Nach dem überraschenden Welterfolg seines Erstlingsromans Der Vorschlag des zerzausten Übergangs steckt der junge Autor Franz Kaufmann mitten in einer Schreibblockade. Während er sich vergeblich bemüht, das Nachfolgewerk Saftige Hose mit Gesicht zu vollenden, geschehen um ihn herum seltsame Dinge: Ein Apfel fällt aus der Deckenlampe, eine mysteriöse Fremde taucht auf, wo immer er hingeht und der amerikanische Präsident steht kurz davor, den dritten Weltkrieg vom Zaun zu brechen. Kaufmann bekommt natürlich zunehmend Probleme, Fiktion und Wahrheit auseinanderzuhalten, sonst wäre es ja nur Beschäftigungstherapie und keine Literatur. (Der Roman ist empfohlen zur Beschäftigungstherapie für Germanistikstudenten im Alter von 2-7 Semestern.)

 

Trommel

Daniel Kehlmanns aufsehenerregende Neuinterpretation des wohl berühmtesten Romans von Günter Grass, erzählt diesmal aus der Perspektive der Trommel.

 

Verhaftete Uhrmacher zum Sterben

Dystopischer Roman über eine Gesellschaft, in der traditionelle Uhrmacher unterdrückt und verfolgt werden, weil es nur noch erlaubt ist, auf sein Smartphone zu gucken, um die Uhrzeit in Erfahrung zu bringen. Erzählt in Rückblenden und aus wechselnder Perspektive von drei Uhrmachern, die aus sehr unterschiedlichen Motiven trotzdem an ihrem Handwerk festgehalten haben und nun in der Todeszelle gemeinsam auf ihre Hinrichtung warten.

 

Jahreszeiten-Zyklus

  1. Türme im Frühling
  2. Herbste des Unkrauts
  3. Der Sommer des Winters
  4. Der Schnee der lebhaften Blume

Die Wirren des zwanzigsten Jahrhunderts von der Weimarer Republik bis zum Mauerfall, erzählt am Beispiel einer Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg.

 

Ein Ehemann der Schwerter

Historischer Roman über eine große Liebe in den schottischen Highlands während der Unabhängigkeitskriege. Vorne auf den Umschlag soll bitte ein stoisch guckender, langhaariger, barbrüstiger Muskelmann, der von einer schmachtenden Blondine in historisch inakkuratem Kleid umschmachtet wird. Inhalt ist dann relativ egal.

 

Planlose Katapulte der Ehre

Antikriegsroman aus dem Mittelalter. Kann meinetwegen auch im schottischen Hochland spielen, aber diesmal mit festem Einband, dezent gehaltenem Cover und Dennis-Scheck-Zitat, sonst ist es ja Kriegsromantik und keine Literatur.

 

Druckvolle Planeten, verschiedene Erfahrungen
(Alternativtitel: Benannte Monde und die Welt)

Science-Fiction-Episodenroman, der durch miteinander verwobene Erfahrungsberichte von menschlichen Raumfahrern und außerirdischen Ureinwohnern ein kritisches Bild von interstellaren Kolonialisierungsprozessen zeichnet. Natürlich per stream of consciousness, sonst wäre es ja Avatar und keine Literatur.

 

Eine asymptotische Dose der Kritik

Versuch einer Poetik.

Kernthesen:
1. Wenn man es versteht, ist es keine Literatur
2. Wenn es Spaß macht, ist es auch keine Literatur.
3. Literatur ist alles, was sie nicht nicht ist.
4. Literatur litera-tut, was sie will.

 

Offene Prinzessinen und die Seele
(Alternativtitel: Wärme)

Erotischer Skandalroman über das langsame Zerbrechen eines lesbischen Liebespaares am Konzept seiner offenen Beziehung. Spielt natürlich in Berlin, aber in den uncoolen Stadtvierteln, sonst wäre es ja ein Berlinroman und keine Literatur.

 

Coole Franzosen mit Herrscher

Die definitive Napoleon-Biographie.

 

Spanischer Roman mit Wirrkopf

Daniel Kehlmanns aufsehenerregende Neuinterpretation von Don Quijote, erzählt diesmal aus der Perspektive der Rosinante.

 

Demonstrative Städte und das richtige Hemd
(Alternativtitel: Bescheuerte Strände mit Krampf)

Das literarische Äquivalent zu Man spricht Deutsch von Gerhard Polt. Eine Gruppe verkrampfter Literaturwissenschaftler fährt im Sommerurlaub nach Italien und benimmt sich dort wie die letzten Poststrukturalisten.

 

Reiche Hose am See

Franz Kaufmann, Autor von Der Vorschlag des zerzausten Übergangs und Saftige Hose mit Gesicht, ist als Schriftsteller längst zu Ruhm und Reichtum gelangt. Inzwischen mittleren Alters und von nicht unerheblichem Bauchumfang, feiert er Sex- und Alkoholexzesse in seinem abgelegenen Seehaus. Manchmal kommen auch Houellebecq oder Martin Walser oder ihre fiktionalisierten Pendants vorbei. Aber gegen die tiefempfundene Leere seiner Existenz kommt Kaufmann trotz aller sinnlichen und geistigen Ausschweifungen nicht an.

 

*

 

Doch, ja, das wird schön. Ich glaube, ich fange mit den Uhrmachern an.

Leben und Schreiben.

Ich habe diesem Blog lange keine Beachtung mehr geschenkt, weil ich in den letzten Monaten erst mal ein bisschen leben musste. Nicht freiwillig natürlich, sondern gezwungenermaßen. Leben ist schließlich meistens sehr unangenehm. Ich habe zwei Monate davon gelebt, in einem Möbelhaus Tiefkühlschnitzel zu frittieren. Dann habe ich einen Monat davon gelebt, dass dem Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg erfreulicherweise gefallen hat, woran ich gerade schreibe. Dann habe ich vier Monate davon gelebt, fremde Texte zu reparieren; davon lebe ich immer noch. Wovon ich später lebe, wenn ich mal groß und erwachsen und vernünftig und bürgerlich bin, weiß ich noch nicht. Mal sehen. Vielleicht werde ich Müllmann.

Ich habe aber nicht nur gelebt, ich habe nebenbei auch Kunst gemacht. Zum Beispiel habe ich Gedichte aus Zeitungsartikeln zusammengeklebt, oder aus Groschenromanen, und das mache ich immer noch, wenn ich eine gute Zeitung finde oder einen guten Groschenroman (das heißt, einen schlechten). Vielleicht sammle ich sie mal irgendwo, die Gedichte, dann sind die nämlich ein Zyklus, das klingt dann viel anspruchsvoller.

Central Park

Und ich habe einen Roman fertiggeschrieben, der „Die Rettung der Welt“ heißt. Leider habe ich unterwegs vergessen, ob er gut ist oder nicht, deshalb muss er jetzt erst mal in die Überarbeitung (oder wenn er nicht gut ist, werfe ich ihn vielleicht auch weg, mal sehen).

Und mein laufendes Romanprojekt hat der Förderkreis deutscher Schriftsteller mit einem Arbeitsstipendium ausgezeichnet, weil ich an dem nämlich noch arbeite, deshalb ist auch der Titel ein Arbeitstitel, deshalb verrate ich den hier nicht.

Und ich schreibe ein Tagebuch, ein erlogenes Tagebuch natürlich, das als jahresumspannendes Projekt gedacht ist, damit ich eine valide Entschuldigung parat habe, warum es mit dem Jahrhundertroman immer noch so lange dauert. Das Tagebuch heißt „Multitüden“, nach dem Whitman’schen Credo, dass ein Mensch viele widersprüchliche Persönlichkeiten in sich vereint, und man findet es hier.

Oh, ach ja, und ich war bei Poetry Slams manchmal und habe da Texte vorgelesen übers Textevorlesen, oder über das Finanzamt, oder übers Schnitzelfrittieren, oder über Wut, oder über Angst, oder die Geschichte vom Mann erzählt, der sich in ein Bankschließfach einschließen lässt vor lauter Wut und Angst, das war eigentlich auch ganz schön.

So. Und jetzt geht es weiter.

Bodenhaftung

The poet who lived next door when you were young and poor
Grew up to be a backstabbing entrepreneur.
(Warren Zevon: Genius)

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„Sie haben vier Jahre als Küchenhilfe gearbeitet“, sagt die Frau auf dem Arbeitsamt wohlwollend, „da sieht man ja, dass Sie auch anpacken können. Ich krieg hier ja oft diese Künstlertypen, die haben einfach noch keine Bodenhaftung.“
„Ja“, sage ich und lächle affirmativ und nicke affirmativ, entweder weil ich feige bin und ein Selbstverleugner und Fremdaffirmierer oder weil ich schon gefährlich viel Bodenhaftung habe, aber wenigstens meine Künstlermütze behalte ich auf beim Nicken. Die nächsten paar Nächte schlafe ich schlecht.

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„Ich bin ja Künstler geworden“, sagt Janosch in irgendeinem Interview, „weil ich dachte, das ist keine Arbeit.“ Vielleicht hat er es auch ein bisschen anders gesagt. Wollte ich nicht nachprüfen. War mir zu viel Arbeit.

*

Ich bin ja Künstler geworden, weil ich dachte, das ist zwar Arbeit, aber angenehme Arbeit. Die Art Arbeit, nach der man gut schläft. Die Art Arbeit, die einen fordert, stolz macht, anderen Freude bereitet, natürlich auch ein bisschen die eigene Eitelkeit bedient, aber welche Arbeit, nach der man gut schläft, tut das nicht?

Mit 17 war ich ein ganz großer Idealist und habe im Wesentlichen von zwei Dingen geträumt, von dem stillen Mädchen aus dem Französischkurs und von literarischem Weltruhm, und beides ist schon so lange her, dass es mir nicht mehr peinlich ist, es zuzugeben. Ich wollte damals von Beruf Schriftsteller werden. Ich dachte, das ist ein ganz normaler Beruf, Schriftsteller, wie Lehrer oder Anwalt oder Müllmann. Wie der Tagesablauf aussieht bei so einem Schriftsteller, das war mir ganz klar. Der steht frühmorgens auf, tritt im Bademantel am Fenster, schaut schweigend auf das frühmorgendliche Vorstadtidyll und trinkt einen Kaffee. Und dann steckt er sich eine Pfeife in den Mund, setzt eine Künstlermütze auf, klemmt sich hinter die Schreibmaschine und fängt an zu schreiben und fühlt sich gut dabei und ist irgendwann fertig und trinkt Rotwein oder Whisky. Und kriegt ab und zu mal Literaturpreise oder geht einkaufen, aber ist meistens zu Hause und schreibt. Und leistet einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft, weil Leute das lesen, was er schreibt und es gut finden und vielleicht ein bisschen gerettet werden von dem, was er schreibt. Und dass er Geld hat, um einkaufen zu gehen, das setzte ich damals einfach als selbstverständlich voraus. Schließlich kriegte er ab und zu Literaturpreise.

Später dann habe ich herausgefunden, dass Geld mitnichten etwas Selbstverständliches, dabei aber etwas sehr Wichtiges ist. Und dass Arbeit nach gängiger Definition nur dann wirklich Arbeit ist, wenn man genug Geld dafür kriegt, sonst ist sie bestenfalls ein Hobby und schlimmstenfalls Tagträumerei.

Seitdem hat den Idealisten in mir nach und nach ein abgebrühter Zyniker ersetzt, den ich mir aus irgendwelchen Filmen und Büchern und Serien über desillusionierte Künstler abgeguckt hatte (Llewyn Davis, here’s looking at you). Den abgebrühten Zyniker zu spielen, ist natürlich auf selbstzerstörerische Weise ein Mordsspaß und hat mir den absterbenden Idealisten erträglicher gemacht, weil der Zyniker den besseren Text hatte. Der durfte die Kunst schlechtreden, weil er selber Kunst machte. Der durfte so Sachen sagen wie „Das ist zwar ein Scheißtext, aber beim Publikum kommt er an“, oder „Ich mach das eh nur fürs Geld“, und dann verächtlich in den Spucknapf spucken, der selbstredend  in jedem Backstage in der Ecke steht. Manchmal macht er das heute noch.

Aber wenn er ehrlich zu sich selber ist, dann meint er das gar nicht so. Dann ist er eigentlich ganz zart und verletzlich, dieser abgeguckte Zyniker. Der hat nur auf einmal Angst davor gekriegt, Künstler zu sein, und damit kam er nicht klar. Weil er früher gedacht hatte, es sei etwas Schönes und Bewundernswertes, Künstler zu sein. Weil er es für selbstverständlich gehalten hatte, dass alle anderen genauso dachten. Weil er sich das alles ein bisschen zu einfach vorgestellt hatte. Und weil er so viele andere Künstler traf, die noch Idealisten waren und ohne Scheu und Scham und Schande an ihr Talent glaubten, und an ihre Zukunft glaubten, und an l’art pour l’art, und die hasste und liebte und beneidete er gleichermaßen, weil er das selbst nicht mehr konnte. Und dann spuckte er halt in die Ecke und redete von Geld und davon, dass Kunst Arbeit ist und dass man irgendwas falsch macht, wenn sie einem Spaß macht, aber so richtig glauben konnte er das trotz allem nicht.

Ich will gar nicht groß die gesellschaftskritische Keule schwingen, ich will keine hehre Anklageschrift verfassen, dafür bin ich zu klein und zu müde. Ich will keinen weiteren Text über eine kalte, phantasiearme Gesellschaft von Philistern schreiben, die ihre Künstler nicht wertzuschätzen weiß und sie in den Selbsthass treibt. Von diesen Texten gibt es genug, und ganz Unrecht  haben sie nicht , aber es gibt genug und Jammern hilft auch nicht weiter. Lehrer und Anwälte und Müllmänner (Müllleute?) haben es schließlich auch nicht leicht.

Ich habe ziemlich weit ausgeholt, aber eigentlich will ich nur ein bisschen über Angst schreiben. Weil Angst, genau wie Geld, etwas sehr Wichtiges ist, aber man redet viel weniger über Angst als über Geld. Dabei hängt beides so eng zusammen.

Angst kann ein Motor für Kunst sein, kann aber auch das Aus für sie bedeuten. Es kommt vor, dass sich Künstler angesichts des Gegenwinds, der ihnen entgegenschlägt, selbst nicht mehr wertschätzen und irgendwann aufgeben. Aus Wut, aus Unsicherheit, aus Ungeduld, aus Zeitmangel, aus Geldmangel – aus Angst eben. Ich habe Angst, weil ich zur Zeit viel an Geld und Sicherheit denke und wenig an literarischen Weltruhm, und weil das vielleicht ein Zeichen von Bodenhaftung ist, und Bodenhaftung kann sehr hinderlich sein, wenn man eigentlich fliegen will.

Das ist natürlich ein Luxusproblem, fliegen zu wollen und sich nicht zu trauen. Vielleicht aber braucht man ein bisschen Gegenwind, gegen den man anfliegen kann. Vielleicht wird nur so aus dem Hobby, der Tagträumerei, am Ende ein Beruf, eine Berufung. Sich als Künstler zu bezeichnen, obwohl man von der Kunst nicht leben kann, ist womöglich der Sieg über die leidige Selbstdefinition via Brotberuf. Der Sieg des Idealismus über die Bodenhaftung. Wenn man den Mut dazu hat. Es ist nämlich auch ein ziemlich sicherer Weg, belächelt oder verachtet zu werden. Sich in Konsequenz vielleicht selbst zu belächeln und zu verachten. Zum Schluss die Kunst als solche zu belächeln und zu verachten. Sie aufzugeben und, sagen wir mal, in die Wirtschaft zu gehen, da werden Sprachkenntnisse schließlich immer gebraucht und man macht das ja eh nur fürs Geld.

Ich habe Angst, mir selbst in den Rücken zu fallen.

*

„Jetzt ist ja Sommer“, sagt die Frau vom Arbeitsamt. „da ist ja grade Saison in der Gastronomie. Ich geb Ihnen da einfach mal zwei Vermittlungsvorschläge mit. Sie können dann auch selbst noch mal gucken.“
„Ja“, sage ich und lächle affirmativ und nicke affirmativ und bewerbe mich in der Gastronomie, da ist ja grade Saison. Da braucht man seine Bodenhaftung auch wirklich, sonst rutscht man leicht aus bei dem ganzen Öl und Schmodder und Spülwasser, das kenne ich schon. Und es ist ja an sich nun wirklich nichts Schlimmes an Bodenhaftung. Wer am Boden haftet, der weht wenigstens nicht weg (so wie in einer großartigen Kurzgeschichte von Bruno Schulz die gelangweilten Schüler  vom Herbstwind aus dem Klassenzimmer getragen werden).

Was man nicht darf, das ist nur: Mehr Angst vor dem Weggewehtwerden haben, als man Lust hat, zu fliegen.

*

„So you have worked at not working?“, fragt jene gewisse amerikanische Talkshow-Moderatorin in geschliffener Formulierung.

„Absolutely“, sagt Cormac McCarthy, der bestimmt einen Bademantel besitzt und eine Pfeife und eine Schreibmaschine, aber für all das hat er hart kämpfen müssen, und in Talkshows tritt er normalerweise auch nicht auf. „It’s the number one priority.“

Zeitungsnotiz.

Möchte dem geneigten Zeitungsleser trotz unseres redlichen Bemühens um allerbeste Qualität einmal die  vorgegebene Reihenfolge der Worte in unseren Artikeln missfallen, so sei ihm freundlichst empfohlen, sie mittels Schere und Alleskleber nach Gusto neu anzuordnen.

Die Redaktion

Eine gute Nachricht